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    Nominierungen und Preisträger 2011

    Nominierungen 2011

    15 Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse

    Im Jahr 2011 reichten 131 Verlage insgesamt 480 Titel ein, die bis zur Leipziger Buchmesse 2011 erschienen. Die siebenköpfige Kritikerjury nominierte jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011:

    Kategorie Belletristik:

    • Anna Katharina Fröhlich: "Kream Korner" (Berlin Verlag)
    • Arno Geiger: "Der alte König in seinem Exil" (Carl Hanser Verlag)
    • Wolfgang Herrndorf: "Tschick" (Rowohlt Berlin Verlag)
    • Clemens J. Setz: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" (Suhrkamp Verlag)
    • Peter Stamm: "Seerücken" (S. Fischer Verlag)

    Kategorie Sachbuch/Essayistik:

    • Patrick Bahners: "Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift" (C.H. Beck)
    • Andrea Böhm: "Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo" (Pantheon Verlag)
    • Karen Duve: "Anständig essen. Ein Selbstversuch" (Galiani Verlag Berlin)
    • Marie Luise Knott: "Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt" (Matthes & Seitz Berlin)
    • Henning Ritter: "Notizhefte" (Berlin Verlag)

    Kategorie Übersetzung:

    • Barbara Conrad: "Krieg und Frieden", aus dem Russischen neu übersetzt und kommentiert, von Lew Tolstoi (Carl Hanser Verlag)
    • Ralph Dutli: "Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters", aus dem Altfranzösischen, Autor anonym (Wallstein Verlag)
    • Maralde Meyer-Minnemann: "Mein Name ist Legion", aus dem Portugiesischen, von António Lobo Antunes (Luchterhand Verlag)
    • Terézia Mora: "Ein Produktionsroman (zwei Produktionsromane)" aus dem Ungarischen, von Péter Esterházy (Berlin Verlag)
    • Dagmar Ploetz: "Unter dieser furchterregenden Sonne", aus dem argentinischen Spanisch, von Carlos Busqued (Antje Kunstmann Verlag)

    Preisträger 2011

    Der Preis der Leipziger Buchmesse 2011 geht an Clemens J. Setz, Henning Ritter und Barbara Conrad

    Am 17. März 2011 wurde zum siebten Mal der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Nominiert waren jeweils fünf Autoren oder Übersetzer in den Kategorien "Belletristik", "Sachbuch/Essayistik" und "Übersetzung".

    Die Jury unter Vorsitz von Verena Auffermann entschied sich für:

    Kategorie Belletristik:

    Clemens J. Setz, "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes"
    (Suhrkamp Verlag)

    Zur Begründung:

    Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an Clemens J. Setz’ Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“. Den Ausschlag gaben die Kühnheit der Konstruktion, die Eigenwilligkeit der Sprache und die Konsequenz des Konzepts, das zu gleichermaßen originellen wie unheimlichen Geschichten führte. Sie machen mit einem ernüchternden Menschenbild ernst, das wir wissenschaftlich längst akzeptiert haben, aber kulturell bislang erfolgreich überspielen. Das Erzählpersonal setzt sich aus Eltern zusammen, die mit ihren Kindern nichts anfangen können, aus Paaren, die ihre Verfallszeit längst überschritten haben, aus Einzelgängern, Außenseitern und rituellen Opfern, die sich das Selbstmitleid nicht mehr leisten, zum Selbstmord nicht in der Lage sind und am Nullpunkt des sinnvollen Lebens dahinvegetieren. Bei Setz hat die Einbildungskraft das Schlimmste immer schon vorweggenommen, seine Figuren immunisieren sich gegen den Schmerz und lagern ihr natürliches Empathie-Vermögen in animistische Dingbeschwörungen aus. In dieser moralfreien, von Illusionen desinfizierten Welt wird der Sadismus zum letzten Kanal des Transzendenzbegehrens.

    In seiner bewusst artifiziellen, hochverspiegelten Prosa porträtiert sich der Autor als Exorzist einer aus den Fugen geratenen Phantasie, als moderner Schamane in Blaubarts letzter Kammer, der im fahlen Flimmern der Medialität die Schmutzarbeit des Zuendedenkens für uns erledigt. Sein Personal teilt sich in jene, die sich aus dem Dekorum der Humanität lustvoll herauswinden, um alle Hemmungen fallen zu lassen, und andere, die sich in die Einsamkeit des reinen Beobachters retten. Im Verbund mit diesen Ortlosen gelingen ihm die stärksten Effekte. In Erzählungen wie „Das Riesenrad“ und „Kleine braune Tiere“ skizziert er eine Menschheit im Wartezustand, ohne Leitbilder und Ideale, losgelöste Astronauten im Raumschiff Erde, auf der Abschussrampe, aber ohne Ziel. Der Preis würdigt ein düsteres, mit Überraschungen aufwartendes Prosalabor, in dem ein junger Autor sich traut, mit den Mitteln der Sprache Va-banque zu spielen.

    Der Autor:

    Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Mathematik und Germanistik in Graz. Sein literarisches Debüt erfolgte mit dem Roman Söhne und Planeten (Residenz 2007). Clemens Setz erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. den Ernst-Willner-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2008. Sein zweiter Roman Die Frequenzen (Residenz 2009) wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen 2010 ausgezeichnet.

    Kategorie Sachbuch/Essayistik:

    Henning Ritter, "Notizhefte" (Berlin Verlag)

    Zur Begründung:

    Henning Ritters „Notizhefte“ sind ein ungewöhnliches Buch, nicht nur weil es Gelehrsamkeit auf eine leichte Art präsentiert, anmutig, freundlich, nie grimmig, sondern in der Form des Aphorismus, der Reflexion, des Kurzessays, der kritischen Bemerkung. Sprache und Bildung werden hier virtuos gehandhabt. Die „Notizhefte“ erlauben es dem Leser, den Autor beim Gespräch mit dessen Vertrauten aus der Geistesgeschichte zu belauschen. Er erwischt sie in dem Augenblick, da sie sich unbeobachtet glauben und ihre Leidenschaften unverstellt äußern. Es sind dies - und das erhöht das Vergnügen in diesem Fall - Leidenschaften des Denkens und des Formulierens.

    Dem Leser erschließen Ritters Notizen Ideengeschichte seit der Französischen Revolution; sie führen ihn auf Trampelpfade, Schleichwege und rasch stellt er, stellt sie fest, dass er mit Ritter rascher vorankommt als mit mancher Monographie, die ihn auf Avenuen locken will. Hier geht es nicht ums Gepränge, sondern ums Unerledigte. Ritter nutzt die Motive alteuropäischen Denkens für die Selbstverständigung über die „Berliner Republik“.

    Das Buch beginnt mit einer Frage: „Was wiegt schwerer, moralisches oder intellektuelles Versagen?“ Nach der Lektüre dieses Buches weiß man, dass es unmoralisch ist, sich intellektuell keine Mühe zu geben, sich mit Vorgestanztem zu bescheiden. Gut, dass es dieses Buch gibt - es lädt dazu ein, durch schöne Anstrengung und intensive Plaudereien mit sich selbst bekannt zu werden.

    Der Autor:

    Henning Ritter, 1943 in Seiffersdorf (Schlesien) geboren, war von 1985 bis 2008 in der F.A.Z. verantwortlich für das Ressort "Geisteswissenschaften". Es liegen zahlreiche Publikationen von ihm vor, u.a. als Herausgeber von Rousseaus Schriften und Montesquieus Meine Gedanken - Aufzeichnungen; zuletzt veröffentlichte er Die Eroberer. Denker des 20. Jahrhunderts (C.H. Beck 2008). Henning Ritter wurde im Jahr 2000 die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg verliehen, 2005 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis.

    Kategorie Übersetzung:

    Aus dem Russischen von Barbara Conrad:
    Lew Tolstoi, "Krieg und Frieden"
    (Carl Hanser Verlag)

    Zur Begründung:

    "Geduld und Zeit" brauchte Kutusow, nach Tolstois Worten, um Napoleon zu schlagen. Geduld und Zeit hat auch Barbara Conrad gebraucht. Ihre Neuübersetzung von "Krieg und Frieden" ist eine enorme Leistung an Energie und Ausdauer. Sie ist überdies ein Meisterwerk der Sprachkunst und übertrifft, nach Meinung der Jury, alle ihre Vorgänger. Wo diese gern Passagen kürzten, lange Satzperioden aufteilten, das Französische eindeutschten, immer nach der schönsten Entsprechung suchten, bleibt Barbara Conrad ganz nah beim Geist des Originals. Das Ergebnis ist kein geglätteter, polierter Tolstoi, sondern ein Rohdiamant, wie ihn der Schriftsteller selbst herstellen wollte, jenseits aller künstlichen Eleganz. Es ist Tolstoi in all seiner „Knorrigkeit“, wie sie von den Zeitgenossen etwas verwundert konstatiert wurde. Barbara Conrads Tolstoi ist kein Konsumgut geworden, er bleibt eine Herausforderung, die Lektüre eine Ozeanüberquerung, Flauten und Stürme inbegriffen, keine schnelle, lustige Flussfahrt. "Tolstois Prosa hält Schritt mit unserem Puls", hat Nabokov einmal gesagt. Jetzt können auch wir deutschen Leser nachvollziehen, was er gemeint hat. Dafür erhält Barbara Conrad den Preis der Leipziger Buchmesse für Übersetzung.

    Die Übersetzerin:

    Barbara Conrad wurde 1937 in Heidelberg geboren. Nach einer Bibliothekarsausbildung studierte sie Slawistik, Anglistik und Germanistik. 1971 promovierte sie mit der Arbeit I.F. Annenskijs poetische Reflexionen. Danach arbeitete Barbara Conrad bis 1982 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Heidelberg und hatte Lehraufträge in Kassel. Seither ist sie freiberuflich als Übersetzerin (u.a. Tschechow, Tolstoi, Pasternak) und Herausgeberin tätig.

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