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    Nominierungen und Preisträger:innen 2021

    Nominierungen 2021

    Im Jahr 2021 waren insgesamt 17 Autor:innen mit 15 Werken für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Die Kritikerjury nominierte jeweils fünf Autor:innen bzw. Übersetzer:innen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021:

    Nominierte in der Kategorie Belletristik:

    • Iris Hanika: Echos Kammern (Literaturverlag Droschl)
    • Judith Hermann: Daheim (S. Fischer Verlag)
    • Christian Kracht: Eurotrash (Kiepenheuer & Witsch)
    • Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete (Suhrkamp Verlag)
    • Helga Schubert: Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten (dtv)

    Nominierte in der Kategorie Sachbuch und Essayistik:

    • Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung (Matthes & Seitz Berlin)
    • Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrief 1935 - 1942 (Deutsche Verlags-Anstalt)
    • Michael Hagner: Focaults Pendel und wir. Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter (Verlag Walther König)
    • Christoph Möllers: Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik (Suhrkamp Verlag)
    • Uta Ruge: Bauern, Land: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang (Verlag Antje Kunstmann)

    Nominierte in der Kategorie Übersetzung:

    • Rosemarie Waldrop: Pippins Tochters Taschentuch (Suhrkamp Verlag), übersetzt aus dem Englischen von Ann Cotten
    • Louis-Karl Picard-Sioui: Der große Absturz. Stories aus Kitchike (Secession Verlag für Literatur), übersetzt aus dem Französischen (Québec) von Sonja Finck und Frank Heibert
    • Tarjei Vesaas: Die Vögel (Guggolz Verlag), übersetzt aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
    • John Dos Passos: USA-Trilogie. Der 42. Breitengrad / 1919 / Das große Geld" (Rowohlt Verlag), übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren
    • Miklós Szentkuthy: Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus (Die Andere Bibliothek), übersetzt aus dem Ungarischen von Timea Tankó

    Preisträger:innen 2021

    Preis der Leipziger Buchmesse 2021 vergeben
    Iris Hanika, Heike Behrend und Timea Tankó sind die Preisträgerinnen

    Kategorie Belletristik

    Iris Hanika: "Echos Kammern"
    (Literaturverlag Droschl)

    Hanika Echos Kammern

    Über das Buch

    In diesem Roman tragen alle komische Namen, und manche haben auch komische Probleme, aber die lösen sich auf. Alles beginnt mit zehn Wochen in New York, wovon Sophonisbe, eine wackere Dichterin, sich einen Neubeginn für ihr Schaffen erhofft – in einer Stadt, die immerzu schreit: „Not for you! Nur für die Reichen!“ So kehrt sie gern nach Berlin zurück, wo die Einwohner am liebsten marodierend durch Neukölln zögen, um die Hipster zu vertreiben. Kampflos geben sie ihre Stadt nicht auf! Sie mietet sich bei Roxana ein, einer anderen starken Frau und Autorin jenseits der Jugend. Männer kommen als Nebenfiguren vor. Der Rest wird nicht verraten.

    Zur Begründung der Jury

    „Bevor ich bin gereist nach New York, ich war in Sorge. Weil war das große Reise über Atlantik und war das auch lange Reise – zehn Wochen ist lang, in diese Zeit viel kann geschehen.“ Ja, es ist viel. Doch was genau in Iris Hanikas herrlich palimpsesten Roman zwischen Berlin und New York geschieht, ist kaum seriös in aller Kürze zu erzählen. Es blitzt und spiegelt, experimentiert nur so vor sich hin. … Diese Autorin ermächtigt sich, den Mann mit den Mitteln des Jahrtausendealten männlichen Blicks zu betrachten. Josh, Narziss, der Mythos wird zum Resonanzraum, in dem sein eigener Hohlkörper sichtbar wird, Iris Hanika schiebt ihn sachte in eine ihrer Echokammern. Nicht zuletzt hier weist sich die Autorin als kluge, witzige und wüste Erzählkonstrukteurin aus. Iris Hanika schreibt unbeirrt und seit fast drei Jahrzehnten ihre Literatur, schreibt auf ihrem Stern, an ihrem Stern. Als eine der eigensinnigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsdichtung, die mit brutal klarem und unverschämten Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse schauen kann. Und dann wieder unheimlich erheitert. Iris Hanika übt in aller Virtuosität ihre Sprachexperimente aus und ja, sie hat diebische Freude daran, dass sie das jeden Moment den Roman kosten könnte. Eben dieses riskante Schreiben zeichnet sie aus.

    Autorin

    Iris Hanika Foto: Villa Massimo, Alberto Novelli
    Foto: Alberto Novelli (Villa Massimo)

    Iris Hanika wurde 1962 in Würzburg geboren. Ihr umfangreiches Werk, u. a. die Erzähling KATHARINA ODER DIE EXISTENZVERPFLICHTUNG (Fannei & Walz, 1992), TREFFEN SICH ZWEI (2008), TANZEN AUF BETON (2012), WIE DER MÜLL GEORDNET WIRD (2015, alle drei im Literaturverlag Droschl) bescherten der Autorin zahlreiche Preise, darunter den Hans-Fallada-Preis 2006, den European Union Prize for Literature 2006 und den Hermann-Hesse-Literaturpreis 2020.





    Kategorie Sachbuch/Essayistik

    Heike Behrend: "Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung"
    (Matthes & Seitz Berlin)

    Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung

    Über das Buch

    ›Affe‹ und ›Kannibalin‹ nannten Frauen und Männer in Kenia und Uganda die Ethnologin, die Ende der 1970er-Jahre zu ihnen kam, um sie zu erforschen. Statt diese wenig schmeichelhaften Namen zurückzuweisen, stellt Heike Behrend sie ins Zentrum ihrer Autobiografie: Sie selbst wird zum gründlich beobachteten Objekt der Ethnografierten und fragt nach der Wahrheit, der Kritik und der kolonialen Geschichte, die sich mit diesen fremden Namen verbinden. Das Ergebnis ist ein packender Forschungsbericht, der von Afrika, das lange als das ›wilde Andere‹ galt, als einem Ort voller Nuancen erzählt – und von einer Menschwerdung in wechselseitiger Spiegelung.

    Zur Begründung der Jury

    Nur wer sich selbst für die Welt öffnet, wird auch in ihr heimisch werden. Diese Erfahrung ist das zentrale Moment des Buchs von Heike Behrend. Die eigene Neugier der Ethnologin stieß während ihrer Feldforschungsaufenthalte auf die der besuchten Gruppen und sie selbst wurde zum Gegenstand der Beobachtung durch ihre Gastgeber. Es gehört viel Selbsterkenntnis dazu, sich erkannt zu fühlen. „Menschwerdung eines Affen“, benannt nach der sich wandelnden Zuschreibung, die man ihr in den kenianischen Tugenbergen als Forscherin, die dort zur Freundin wurde, angedeihen ließ, legt Zeugnis davon ab, dass Heike Behrend diese Befähigung besitzt. Und mit ihrer Betrachtung der Betrachter ihrer selbst als Betrachterin gewinnt sie auch eine Perspektive auf die eigene Kultur – sowohl verstanden als nationale wie als disziplinäre. Geisteswissenschaft in der Form, wie Heike Behrend sie teilnehmend beschreibt, ist im besten Sinne Geistesbeschwörung: Sie provoziert zu einem Blick, der intellektuell agiert statt visuell. Ihr Buch ist eine ebenso köstliche wie kostbare Lektüre, die unsere Horizonte weit verschiebt, ohne dabei eine politische Agenda vermitteln zu wollen. Es ist geboren und geschrieben aus der Emphase für die Gemeinsamkeit dessen, was Menschsein ausmacht: die Überwindung von Vorurteilen. Solchen seiner selbst über andere und solchen anderer über einen selbst. Es ist ein erhellendes Buch in diesen sich verdunkelnden Zeiten.

    Autorin

    Heike Behrend: MSB Verlag
    Foto: Anita Back

    Heike Behrend studierte Ethnologie und Religionswissenschaft. Sie arbeitete ethnografisch vor allem in Ostafrika und unterrichtete an verschiedenen Universitäten. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze, u. a. ALICE UND DIE GEISTER. KRIEG IM NORDEN UGANDAS (Trickster, 1993) und CONTESTING VISIBILITY. PHOTOGRAPHIC PRACTICES AND THE „AESTHETICS OF WITHDRAWAL“ ALONG THE EAST AFRICAN COAST (transcript, 2013).





    Kategorie Übersetzung

    Timea Tankó übersetzte aus dem Ungarischen "Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus" von Miklós Szentkuthy

    (Die Andere Bibliothek)

    Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus

    Über das Buch

    Mit APROPOS CASANOVA führt der virtuose Provokateur Miklós Szentkuthy (1908 –1988) in seine Gedankenwelt ein. In der Lektüre der Memoiren Casanovas treibt er sein höchst subjektives Spiel mit der Sprache und der Geschichte. Ob als barocker Liebesabenteurer oder als Pseudo-Abaelard, zerrissen zwischen Scholastik und Héloise – bei seinem Ritt durch die Epochen spricht Szentkuthy mit vielen Stimmen. Sein munteres Jonglieren mit Assoziationen fügt sich zu einem Stundenbuch über die Liebe und das menschliche Begehren. Bei Erscheinen 1939 durch die Zensur verboten, hat sich das Provokante seiner Prosa bis heute bewahrt.

    Zur Begründung der Jury

    Wie lässt sich so etwas Quecksilbriges, sich jeder Zuordnung Entziehendes, wild Fantasierendes und zugleich messerscharf Argumentierendes in eine andere Sprache bringen? Die Antwort kann nur lauten: indem man mitdenkt. Und nichts anderes tut Timea Tankó. Ihre deutsche Fassung wird der intellektuellen Beweglich-, ja Quirlichkeit Szentkuthys absolut gerecht, dank ihr gerät man unweigerlich in den Sog seiner kapriolenhaften Gedankenflüge – und ohne, dass einem flau dabei wird. Er und sie, Miklos und Timea, diese beiden Liebenden der Sprache, können aber auch ganz anders, konkret-anschaulich und poetisch-bildhaft zugleich: „An einem Vormittag“, heißt es da, „war das Meer ungewöhnlich blau, die kleinen weißen Wellenspalten waren besonders parallel und zahncremefrisch, die Luft war sportlich klar, die Möwen wirkten einen Hauch melancholischer, herbstblattähnlicher als sonst, die fernen griechischen, persischen und russischen Yachten vibrierten noch höher über den Horizont als sonst – und wegen dieser kleinen Frühlingskomposition, die einen halben Augenblick zuvor noch nicht einmal ansatzweise so aussah und im nächsten ihren fröstelnden Maifestcharme bereits verloren hatte, musste Rom untergehen.“ Wow. Was für ein Satz, was für ein Schmelz in den Beschreibungen, welch ein sanfter Rhythmus, und was für ein eiskalter Knalleffekt am Ende. Dafür, dass sie sich dieser Prosa einfühlsam und doch selbstbewusst angeschmiegt und dabei immer die Spannung gehalten hat, dafür danken wir Timea Tankó.

    Autorin

    Timea Tankó
    Foto: Konstantin Déry

    Timea Tankó, 1978 in Leipzig geboren, arbeitet als Dolmetscherin sowie als Übersetzerin ungarischer und französischer Literatur. Neben Übertragungen u. a. von Werken István Keménys, Antal Szerbs und György Dragománs ins Deutsche brachte sie z. B. auch Texte Esther Kinskys ins Ungarische. Zuletzt wurde sie mit dem Exzellenzstipendium des Deutschen Übersetzerfonds 2020 ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

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