Preis der Leipziger Buchmesse: Archiv der Nominierten und Preisträger:innen

2021 Preisträger

Belletristik

Iris Hanika | Echos Kammern | Literaturverlag Droschl

Über das Buch

In diesem Roman tragen alle komische Namen, und manche haben auch komische Probleme, aber die lösen sich auf. Alles beginnt mit zehn Wochen in New York, wovon Sophonisbe, eine wackere Dichterin, sich einen Neubeginn für ihr Schaffen erhofft – in einer Stadt, die immerzu schreit: „Not for you! Nur für die Reichen!“ So kehrt sie gern nach Berlin zurück, wo die Einwohner am liebsten marodierend durch Neukölln zögen, um die Hipster zu vertreiben. Kampflos geben sie ihre Stadt nicht auf! Sie mietet sich bei Roxana ein, einer anderen starken Frau und Autorin jenseits der Jugend. Männer kommen als Nebenfiguren vor. Der Rest wird nicht verraten.

Zur Begründung der Jury:

„Bevor ich bin gereist nach New York, ich war in Sorge. Weil war das große Reise über Atlantik und war das auch lange Reise – zehn Wochen ist lang, in diese Zeit viel kann geschehen.“ Ja, es ist viel. Doch was genau in Iris Hanikas herrlich palimpsesten Roman zwischen Berlin und New York geschieht, ist kaum seriös in aller Kürze zu erzählen. Es blitzt und spiegelt, experimentiert nur so vor sich hin. … Diese Autorin ermächtigt sich, den Mann mit den Mitteln des Jahrtausendealten männlichen Blicks zu betrachten. Josh, Narziss, der Mythos wird zum Resonanzraum, in dem sein eigener Hohlkörper sichtbar wird, Iris Hanika schiebt ihn sachte in eine ihrer Echokammern. Nicht zuletzt hier weist sich die Autorin als kluge, witzige und wüste Erzählkonstrukteurin aus. Iris Hanika schreibt unbeirrt und seit fast drei Jahrzehnten ihre Literatur, schreibt auf ihrem Stern, an ihrem Stern. Als eine der eigensinnigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsdichtung, die mit brutal klarem und unverschämten Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse schauen kann. Und dann wieder unheimlich erheitert. Iris Hanika übt in aller Virtuosität ihre Sprachexperimente aus und ja, sie hat diebische Freude daran, dass sie das jeden Moment den Roman kosten könnte. Eben dieses riskante Schreiben zeichnet sie aus.

Autorin:

Iris Hanika wurde 1962 in Würzburg geboren. Ihr umfangreiches Werk, u. a. die Erzählungen Katharina oder Die Existenzverpflichtung (Fannei & Walz, 1992), Treffen sich zwei (2008),Tanzen auf Beton (2012), Wie der Müll geordnet wird (2015, alle drei im Literaturverlag Droschl) bescherten der Autorin zahlreiche Preise, darunter den Hans-Fallada-Preis 2006, den European Union Prize for Literature 2006 und den Hermann-Hesse-Literaturpreis 2020.

Sachbuch / Essayistik

Heike Behrend | Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung | Matthes & Seitz Berlin

Über das Buch
›Affe‹ und ›Kannibalin‹ nannten Frauen und Männer in Kenia und Uganda die Ethnologin, die Ende der 1970er-Jahre zu ihnen kam, um sie zu erforschen. Statt diese wenig schmeichelhaften Namen zurückzuweisen, stellt Heike Behrend sie ins Zentrum ihrer Autobiografie: Sie selbst wird zum gründlich beobachteten Objekt der Ethnografierten und fragt nach der Wahrheit, der Kritik und der kolonialen Geschichte, die sich mit diesen fremden Namen verbinden. Das Ergebnis ist ein packender Forschungsbericht, der von Afrika, das lange als das ›wilde Andere‹ galt, als einem Ort voller Nuancen erzählt – und von einer Menschwerdung in wechselseitiger Spiegelung.

Zur Begründung der Jury:
Nur wer sich selbst für die Welt öffnet, wird auch in ihr heimisch werden. Diese Erfahrung ist das zentrale Moment des Buchs von Heike Behrend. Die eigene Neugier der Ethnologin stieß während ihrer Feldforschungsaufenthalte auf die der besuchten Gruppen und sie selbst wurde zum Gegenstand der Beobachtung durch ihre Gastgeber. Es gehört viel Selbsterkenntnis dazu, sich erkannt zu fühlen. „Menschwerdung eines Affen“, benannt nach der sich wandelnden Zuschreibung, die man ihr in den kenianischen Tugenbergen als Forscherin, die dort zur Freundin wurde, angedeihen ließ, legt Zeugnis davon ab, dass Heike Behrend diese Befähigung besitzt. Und mit ihrer Betrachtung der Betrachter ihrer selbst als Betrachterin gewinnt sie auch eine Perspektive auf die eigene Kultur – sowohl verstanden als nationale wie als disziplinäre. Geisteswissenschaft in der Form, wie Heike Behrend sie teilnehmend beschreibt, ist im besten Sinne Geistesbeschwörung: Sie provoziert zu einem Blick, der intellektuell agiert statt visuell. Ihr Buch ist eine ebenso köstliche wie kostbare Lektüre, die unsere Horizonte weit verschiebt, ohne dabei eine politische Agenda vermitteln zu wollen. Es ist geboren und geschrieben aus der Emphase für die Gemeinsamkeit dessen, was Menschsein ausmacht: die Überwindung von Vorurteilen. Solchen seiner selbst über andere und solchen anderer über einen selbst. Es ist ein erhellendes Buch in diesen sich verdunkelnden Zeiten.

Autorin:
Heike Behrend studierte Ethnologie und Religionswissenschaft. Sie arbeitete ethnografisch vor allem in Ostafrika und unterrichtete an verschiedenen Universitäten. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze, u. a. Alice und die Geister. Krieg im Norden Ugandas (Trickster, 1993) und Contesting Visibility. Photographic Practices and the „Aesthetics of Withdrawa” along the East African Coast (transcript, 2013).

Übersetzung

Timea Tankó | „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ von Miklós Szentkuthy übersetzt aus dem Ungarischen | Die Andere Bibliothek

Über das Buch
Mit APROPOS CASANOVA führt der virtuose Provokateur Miklós Szentkuthy (1908 –1988) in seine Gedankenwelt ein. In der Lektüre der Memoiren Casanovas treibt er sein höchst subjektives Spiel mit der Sprache und der Geschichte. Ob als barocker Liebesabenteurer oder als Pseudo-Abaelard, zerrissen zwischen Scholastik und Héloise – bei seinem Ritt durch die Epochen spricht Szentkuthy mit vielen Stimmen. Sein munteres Jonglieren mit Assoziationen fügt sich zu einem Stundenbuch über die Liebe und das menschliche Begehren. Bei Erscheinen 1939 durch die Zensur verboten, hat sich das Provokante seiner Prosa bis heute bewahrt.

Zur Begründung der Jury:
Wie lässt sich so etwas Quecksilbriges, sich jeder Zuordnung Entziehendes, wild Fantasierendes und zugleich messerscharf Argumentierendes in eine andere Sprache bringen? Die Antwort kann nur lauten: indem man mitdenkt. Und nichts anderes tut Timea Tankó. Ihre deutsche Fassung wird der intellektuellen Beweglich-, ja Quirlichkeit Szentkuthys absolut gerecht, dank ihr gerät man unweigerlich in den Sog seiner kapriolenhaften Gedankenflüge – und ohne, dass einem flau dabei wird. Er und sie, Miklos und Timea, diese beiden Liebenden der Sprache, können aber auch ganz anders, konkret-anschaulich und poetisch-bildhaft zugleich: „An einem Vormittag“, heißt es da, „war das Meer ungewöhnlich blau, die kleinen weißen Wellenspalten waren besonders parallel und zahncremefrisch, die Luft war sportlich klar, die Möwen wirkten einen Hauch melancholischer, herbstblattähnlicher als sonst, die fernen griechischen, persischen und russischen Yachten vibrierten noch höher über den Horizont als sonst – und wegen dieser kleinen Frühlingskomposition, die einen halben Augenblick zuvor noch nicht einmal ansatzweise so aussah und im nächsten ihren fröstelnden Maifestcharme bereits verloren hatte, musste Rom untergehen.“ Wow. Was für ein Satz, was für ein Schmelz in den Beschreibungen, welch ein sanfter Rhythmus, und was für ein eiskalter Knalleffekt am Ende. Dafür, dass sie sich dieser Prosa einfühlsam und doch selbstbewusst angeschmiegt und dabei immer die Spannung gehalten hat, dafür danken wir Timea Tankó.

Übersetzerin:
Timea Tankó, 1978 in Leipzig geboren, arbeitet als Dolmetscherin sowie als Übersetzerin ungarischer und französischer Literatur. Neben Übertragungen u. a. von Werken István Keménys, Antal Szerbs und György Dragománs ins Deutsche brachte sie z. B. auch Texte Esther Kinskys ins Ungarische. Zuletzt wurde sie mit dem Exzellenzstipendium des Deutschen Übersetzerfonds 2020 ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

2021 Nominierte

Belletristik

  • Iris Hanika: Echos Kammern (Literaturverlag Droschl, 12. Juni 2020)
  • Judith Hermann: Daheim (S. Fischer Verlag, 28. April 2021)
  • Christian Kracht: Eurotrash (Kiepenheuer & Witsch, 4. März 2021)
  • Friederike Mayröcker: da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete (Suhrkamp Verlag, 20. Juli 2020)
  • Helga Schubert: Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten (dtv, 18. März 2021)

Sachbuch / Essayistik

  • Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen. Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung (Matthes & Seitz Berlin, 1. Oktober 2020)
  • Dan Diner: Ein anderer Krieg. Das jüdische Palästina und der Zweite Weltkrieg 1935 – 1942 (Deutsche Verlags-Anstalt, 15. März 2021)
  • Michael Hagner: Foucaults Pendel und wir. Anlässlich einer Installation von Gerhard Richter (Verlag Walther König, 25. März 2021)
  • Christoph Möllers: Freiheitsgrade. Elemente einer liberalen politischen Mechanik (Suhrkamp Verlag, 27. September 2020)
  • Uta Ruge: Bauern, Land: Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang (Verlag Antje Kunstmann, 26. August 2020)

Übersetzung

  • Ann Cotten: übersetzte aus dem Englischen „Pippins Tochters Taschentuch“ von Rosmarie Waldrop (Suhrkamp Verlag, 18. April 2021)
  • Sonja Finck und Frank Heibert: übersetzten aus dem Französischen (Québec) „Der große Absturz. Stories aus Kitchike“ von Louis-Karl Picard-Sioui (Secession Verlag für Literatur, 15. September 2020)
  • Hinrich Schmidt-Henkel: übersetzte aus dem Norwegischen „Die Vögel“ von Tarjei Vesaas (Guggolz Verlag, 30. Oktober 2020)
  • Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren: übersetzten aus dem Englischen „USA-Trilogie. Der 42. Breitengrad / 1919 / Das große Geld“ von John Dos Passos (Rowohlt Verlag, 16. Juni 2020)
  • Timea Tankó: übersetzte aus dem Ungarischen „Apropos Casanova. Das Brevier des Heiligen Orpheus“ von Miklós Szentkuthy (Die Andere Bibliothek, 18. August 2020)

Die Nominierten

Stimmen der Jury:

Archiv

2020 Preisträger

Belletristik

Lutz Seiler: "Stern 111" (Suhrkamp Verlag)

Über das Buch

Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlassen Inge und Walter Bischoff ihr altes Leben – die Wohnung, den Garten, ihre Arbeit, das Land. Sie folgen einem „Lebensgeheimnis“, von dem selbst ihr Sohn Carl nichts weiß. Dieser verweigert den Auftrag, das elterliche Erbe zu übernehmen, und flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des „klugen Rudels“ aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und Männer, die dunkle Geschäfte, einen Guerillakampf um leerstehende Häuser und die Kellerkneipe Assel betreibt. Dort schlingert Carl durch das Chaos der Nachwendezeit, stets in der Hoffnung, seine einzige Liebe Effi wiederzusehen.

Zur Begründung der Jury:

Der „Stern 111“, er leuchtet spektral. Legendäres Radiofabrikat der DDR, reine Liebe für eine junge Frau, die Sternferne der Dichtkunst genauso wie der Star, der die Eltern des Romanhelden in den Westen lockt. Dieser Roman leuchtet auf jeder Seite, und das mit menschenfreundlichem Humor. Die Milchstraße wird ziegengemacht, in jeder schnell errichteten Mauer krabbeln die Asseln der Schwellenzeiten, unter dem Schimmel der uralten Konserven lauert rätselhafte Süße. In Lutz Seiler kunstvollem Roman wird groß und genau die Neuordnung der Dinge in einem plötzlich regellosen Raum beschrieben, und das in der Verquickung von Geschichtsschreibung und Privatmärchen. Auf die Zeitläufe legt der Autor eine sinnliche Zeitschreibung: die eines werdenden Dichters und jungen Mannes, der sich elternlos finden muss, sich auf den Weg macht in ein poetisches Dasein. Nicht zuletzt erzählt „Stern 111“ – ohne die Geste des „Wenderomans“ bemühen zu müssen – vom sich binnen kurzem veränderndem Herzschlag der Mitte Berlins, erst kommen die Künstler und Maurer, dann die Prostituierten, die Touristen. Während die Älteren die Welt entdecken.

Autor:

Lutz Seiler, 1963 in Gera geboren, arbeitete nach einer Lehre als Baufacharbeiter als Zimmermann und Maurer und studierte anschließend Germanistik. Seit 1997 leitet er das Literaturprogramm im Peter-Huchel-Haus. Für sein literarisches Werk erhielt Seiler mehrere Preise, darunter den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Bremer Literaturpreis, den Uwe-Johnson-Preis und 2014 den Deutschen Buchpreis. Er lebt in Berlin und Stockholm.

Sachbuch / Essayistik

Bettina Hitzer: "Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts" (Klett-Cotta-Verlag)

Über das Buch
Die Diagnose Krebs war früher ein Todesurteil und löst bis heute bei Patienten und Patientinnen Angst und Schrecken aus. Die Wahrnehmung dieser Gefühle hat sich aber im Laufe der Zeit stark verändert. Empathie und Hoffnung spielen heute eine größere Rolle, Patienten und ihre Angehörigen lassen sich ein auf die Emotionen, die die Erkrankung auslösen. Diese Revolution der Gefühle hat die Medizin und die deutsche Gesellschaft erstaunlich gewandelt. Bettina Hitzer schildert am Beispiel von Krebs, dem „König aller Krankheiten“, kulturhistorische Zusammenhänge zwischen Krankheit und Gefühl, die bisher kaum beachtet wurden.

Zur Begründung der Jury:
Mit keiner Krankheit sind wir im privaten wie öffentlichen Umfeld so stark konfrontiert wie mit Krebs. Bettina Hitzer zeichnet die Geschichte dieser Erkrankung so umfassend nach wie noch nie: Sie schreibt eine Gesellschaftsgeschichte, Emotionsgeschichte und Mediengeschichte. Ihr Buch beleuchtet, wie unterschiedlich im 20. Jahrhundert in Deutschland Krebs erforscht, besprochen und erlebt worden ist. Dabei zeigt sie auf, welchem gesellschaftlichen Wandel der Umgang mit der Krankheit unterlag. Von der Mündigwerdung des Patienten über die öffentliche Akzeptanz bis zur Erfindung der Nachsorge entsteht so ein Panorama, das über einfache Fallgeschichten und Ratgeber von Krebs weit hinausreicht. Mit ihrem emotionsgeschichtlichen Zugriff vertritt Bettina Hitzer einen fruchtbaren neuen Ansatz der Geschichtswissenschaft. Und am Ende steht dabei die Entdeckung: Noch nie haben wir unsere Gefühle so stark rationalisiert wie heute in der Zeit ständiger Selbstoptimierung und permanenter Gefühlsarbeit.

Autorin:
Bettina Hitzer studierte Geschichte, habilitierte sich und lehrt an der FU Berlin. Seit 2014 leitet sie eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, die sich mit Krankheit als Emotionsgeschichte beschäftigt. Ihre Arbeiten zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte sowie zur Migrations- und Religionsgeschichte wurden 2016 mit dem Walter-de-Gruyter-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

Übersetzung

Pieke Biermann: übersetzte aus dem amerikanischen Englisch: "Oreo" von Fran Ross (dtv Verlag)

Über das Buch
OREO von Fran Ross ist ein bereits in den 70er Jahren erschienenes, kaum beachtetes, dann wiederentdecktes und jetzt übertragenes Buch über kulturelle Identitäten. Seine Autorin wurde 1935 als Tochter eines jüdischen Vaters und einer schwarzen Mutter geboren – wie ihre Romanheldin, die 16-jährige Christine, genannt „Oreo“, die sich in New York auf die Suche nach ihrem Vater begibt. Dort trifft sie unglaubliche Leute: einen „Reisehenker“, der Manager feuert, einen Radio-Macher, der nicht spricht, einen tumben Zuhälter und endlich auch ihren Vater. Nicht jeder ist ihr wohlgesinnt. Aber Oreo überlebt alles dank ihres selbsterdachten Kampfsports WITZ.

Zur Begründung der Jury:
Außen schwarz und innen weiß, so sieht nicht nur ein Oreo-Keks aus, zwischen zwei Hauttypen (und Milieuschichten) verpappt ist auch Christine, die Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Juden namens Schwartz. Christines Geschichte ist dabei vor allem eines: kunterbunt. Zwischen Mythologie, Rassismuskritik, Slapstick und Psychoanalyse-Satire changierend, brennt Fran Ross in „Oreo“ zudem ein sprachliches Feuerwerk ab, das seinesgleichen sucht. Jiddische Ausdrücke, Gossenslang und akademisches Highbrow-Palaver stellen die Übersetzung vor enorme Herausforderungen. Pieke Biermann hat sie bravourös gelöst und das halsbrecherische Erzähl-Tempo dieser durch New York rasenden rotzfrechen und oberschlauen Superfrau mit großem Erfindungsreichtum in ein Deutsch gebracht hat, das eine solch schrill-schöne Vielgestalt auf so engem Raum selten gesehen hat.

Übersetzerin:
Pieke Biermann, geboren 1950, studierte Deutsche Literatur und Sprache bei Hans Mayer sowie Anglistik und Politikwissenschaft in Hannover und Padua. Seit 1976 ist sie freie Schriftstellerin und Übersetzerin, u.a. von Stefano Benni, Andrea Bajani, Dacia Maraini, Agatha Christie und Dorothy Parker. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem dreimal mit dem Deutschen Krimipreis. Sie lebt in Berlin.

2020 Nominierte

Belletristik

  • Verena Güntner: Power (DuMont Buchverlag, März 20)
  • Maren Kames: Luna Luna (Secession Verlag, August 19)
  • Leif Randt: Allegro Pastell (Verlag Kiepenheuer & Witsch, März 20)
  • Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder (S. Fischer Verlag, März 20)
  • Lutz Seiler: Stern 111 (Suhrkamp Verlag, März 20)

Sachbuch / Essayistik

  • Bettina Hitzer: Krebs fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts (Klett-Cotta Verlag, Januar 20)
  • Michael Martens: Im Brand der Welten. Ivo Andrić. Ein europäisches Leben (Paul Zsolnay Verlag, August 19)
  • Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft (Verlag C. H. Beck, August 19)
  • Julia Voss: Hilma af Klint - »Die Menschheit in Erstaunen versetzen«. Biographie (S. Fischer Verlag, Februar 20)
  • Wenzel, Jan (Hg.) zusammen mit Anne König, Andreas Rost u.a.: Das Jahr 1990 freilegen (Spector Books, November 19)

Übersetzung

  • Fran Ross: Oreo (dtv Verlag, September 19), aus dem amerikanischen Englisch von Pieke Biermann
  • Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau. Sämtliche Erzählungen I (Penguin Verlag, Oktober 19), aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby
  • Angel Igov: Die Sanftmütigen (eta Verlag, Oktober 19), aus dem Bulgarischen von Andreas Tretner
  • George Eliot: Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz (Rowohlt Verlag, November 19), aus dem Englischen von Melanie Walz
  • Charles Baudelaire: Der Spleen von Paris. Gedichte in Prosa sowie frühe Dichtungen (Rowohlt Verlag, Juni 19), aus dem Französischen von Simon Werle

2019 Preisträger

Belletristik

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen (Verbrecher Verlag)

Über das Buch

Resi hätte wissen können, dass ein Untermietverhältnis unter Freunden nicht die sicherste Wohnform darstellt, denn Freundschaft hört bekanntlich beim Geld auf. Die ist im Fall von Resis alter Clique mit den Jahren brüchig geworden. Sie hätte wissen können, dass spätestens mit der Familiengründung der erbfähige Teil der Clique abbiegt Richtung Eigenheim und sie zusehen muss, wie sie da mithält. Noch in den Achtzigern hieß es, alle Menschen wären gleich und würden demnächst auch durch Tüchtigkeit und Einsicht gerecht zusammenleben. Nun sieht Resi sich angesichts einer Wohnungskündigung mit der harten und enttäuschenden Wirklichkeit konfrontiert

Zur Begründung der Jury:

„Schäfchen im Trockenen“ ist ein scharfkantiger, harscher Roman, der wehtun will und wehtun muss, der protestiert gegen den beständigen Versuch des besänftigt Werdens, der etwas aufreißt in unserem sicher geglaubten Selbstverständnis und dadurch den Kopf frei macht zum hoffentlich klareren Denken.

Autorin:

Anke Stelling lebt als Autorin in Berlin. Sie hat das Kinderbuch ERNA UND DIE DREI WAHRHEITEN (cbt bei Random House, 2017) sowie sieben Romane, zwei davon gemeinsam mit Robby Dannenberg, verfasst, die bei Ammann, Fischer und im Verbrecher Verlag erschienen. BODENTIEFE FENSTER (2015) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und bekam den Melusine-Huss-Preis auf der Hotlist für Bücher aus unabhängigen Verlagen.

Sachbuch / Essayistik

Harald Jähner: "Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955" (Rowohlt Verlag)

Über das Buch
Zahllose Versprengte ziehen durchs Land, Kinder haben keine Väter mehr, die alte Staats- und Gesellschaftsform gilt nicht mehr – zugleich führen durch die geisterhaft entvölkerten Straßen Deutschlands wieder Rosenmontagszüge, Jazz erklingt aus Ruinen, Intellektuelle stoßen Debatten an und die Alliierten initiieren die demokratische Bildungsarbeit zur Überwindung des Nationalsozialismus. Harald Jähner legt die erste große Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit vor, in der die Nachkriegsdeutschen und der Wandel ihrer Alltagswelt im Mittelpunkt stehen.

Zur Begründung der Jury:
Wer hätte gedacht, dass ein Land in Schutt und Asche, voller Schuld und Schande, eine narrative Wundertüte sein kann? Harald Jähner beleuchtet die deutsche Nachkriegsgeschichte neu. Er nimmt uns mit in völlig zerstörte Innenstädte. Er erzählt von Ausgebombten, von Trümmerfrauen und von landauf, landab verhassten Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Durch den Frauenüberschuss nach dem Krieg kam es zuerst zu einer Scheidungswelle und dann zu einer Heiratswelle. Und Beate Uhse klärte die Leute auf, bevor sie ihr Versandgeschäft für Ehehygiene startete. Selten hat ein Sachbuch Anschaulichkeit, dramaturgisches Gespür und Eloquenz so gekonnt in sich vereint. Wer dachte, über die Nachkriegszeit schon alles gewusst zu haben, wird hier noch fündig werden.

Autor:
Harald Jähner ist Journalist und Kritiker und war bis 2015 Feuilletonchef der Berliner Zeitung. Zuvor arbeitete er als freier Mitarbeiter im Literaturressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, als Leiter der Kommunikationsabteilung im Haus der Kulturen der Welt und als Redakteur bei den Berliner Festspielen. Seit 2011 ist er Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin.

Übersetzung

Eva Ruth Wemme: übersetzte aus dem Rumänischen: "Verlorener Morgen" von Gabriela Adameşteanu (Die Andere Bibliothek)

Über das Buch
Gabriela Adameşteanu ist eine der wichtigsten Stimmen der rumänischen Literatur des 20. Jahrhunderts. 35 Jahre nach seinem Erscheinen in Rumänien liegt nun ihr Roman Verlorener Morgen dank Eva Wemme auch auf Deutsch vor. Ein einziger Tag, ein Bukarester Wintermorgen im Leben der Protagonistin Vica Anfang der 1980er-Jahre bildet die Klammer, die alles zusammenhält: Den 1. Weltkrieg, den Terror der 50er Jahre und die triste Ceausescu-Zeit, die Vica zur Sprache bringt. Mit großem erzählerischem Atem und ausschweifenden Dialogen entsteht auf diese Weise ein Panorama der Geschichte eines ganzen Landes mit all seinen Traditionslinien und Brüchen.

Zur Begründung der Jury:
Eva Ruth Wemme hat sich schon im vergangenen Jahr mit „Humbug und Variationen“, humoristischer Kurzprosa und Szenen des rumänischen Nationalabsurdisten Ion Luca Caragiale als spracherfinderische, den gewagtesten Wortverdrehungen gewachsene Übersetzerin hervorgetan. Adameşteanus „Verlorener Morgen“ bringt ihr schöpferisches Talent erneut zum Vorschein. Denn zu den Zeitebenen, die hier aufeinanderprallen, kommen die Sprachebenen. Was die verarmte und in der Ehe mit einem Faulpelz vereinsamte Schneiderin Vica Delca, eine Frau von 70 Jahren, erst auf dem Weg zu ihrer Schwägerin und dann zur etwas bessergestellten Tochter ihrer früheren Arbeitgeberin an einem einzigen langen Bukarester Wintertag so alles denkt und erinnert, reicht von saftigen Flüchen bis zum Sprachunfall in schiefen Sätzen. Eva Ruth Wemme hat dieses charmante Ätzen und Giften in ein überzeugendes Deutsch gebracht.

Übersetzerin:
Eva Ruth Wemme arbeitet als Übersetzerin aus dem Rumänischen, Autorin, Regisseurin und Migrationsberaterin in Berlin. Für Ihre Übersetzungen von Werken u.a. Mircea Cartarescus, Nicoleta Esinencus, Nora Iugas und Ion Luca Caragiales erhielt sie mehrere Stipendien u.a. des Deutschen Übersetzerfonds. Ihre eigenen literarischen Arbeiten erscheinen im Verbrecher Verlag, zuletzt AMALINCA (2018).

2019 Nominierte

Belletristik

  • Kenah Cusanit: Babel (Carl Hanser Verlag, Januar 19)
  • Matthias Nawrat: Der traurige Gast (Rowohlt Verlag, Januar 19)
  • Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise (Luchterhand Literaturverlag, Februar 19)
  • Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen (Verbrecher Verlag, August 18)
  • Feridun Zaimoglu: Die Geschichte der Frau (Kiepenheuer & Witsch, März 19)

Sachbuch / Essayistik

  • Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik (Rowohlt Verlag, Februar 19)
  • Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955 (Rowohlt Berlin, Februar 19)
  • Marko Martin: Das Haus in Habana. Ein Rapport (Wehrhahn Verlag, Dezember 2018)
  • Lothar Müller: Freuds Dinge. Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter (Die Andere Bibliothek, Februar 19)
  • Kia Vahland: Leonardo da Vinci und die Frauen. Eine Künstlerbiographie (Insel Verlag, März 19)

Übersetzung

  • Liviu Rebreanu: Der Wald der Gehenkten (Paul Zsolnay Verlag, August 2018), aus dem Rumänischen von Georg Aescht
  • Aura Xilonen: Gringo Champ (Carl Hanser Verlag, Januar 2019), aus dem Spanischen von Susanne Lange
  • György Dragomán: Löwenchor (Suhrkamp Verlag, Februar 2019), aus dem Ungarischen von Timea Tankó
  • Jean-Baptiste Del Amo: Tierreich (Verlag Matthes & Seitz Berlin, März 2019), aus dem Französischen von Karin Uttendörfer
  • Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Die Andere Bibliothek, August 2018), aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme

2018 Preisträger

Belletristik

Esther Kinsky: "Hain. Geländeroman" (Suhrkamp Verlag)

Über das Buch

Italienische Reisen eigener Art unternimmt die Ich-Erzählerin in Esther Kinskys Geländeroman, in dem Landschaftsmeditation, Kindheitserinnerungen und Trauer zusammenkommen. Nicht nach Rom, Florenz oder Siena zieht es sie, sondern in abseitige Landstriche – nach Olevano Romano etwa, eine Kleinstadt nordöstlich von Rom, oder in die Valli di Comacchio, die Lagunenlandschaft im Delta des Po. Zwischen diesen Geländeerkundungen führt die dritte Reise die Erzählerin zurück in ihre Kindheit: Wie bruchstückhafte Filmsequenzen tauchen die Erinnerungen an zahlreiche Fahrten durch das Italien der 70er Jahre auf, dominiert von der Figur des Vaters.

Zur Begründung der Jury:

Was für ein stilles, kaum bewegtes, menschenarmes Buch. Seine Farben mangels ausreichender Sättigung vorwiegend im Graubereich. Und seine Ich-Erzählerin eine bloße Hülle, die sich am liebsten davonstehlen würde. Denn an ihr, einer Trauernden, die ihren Lebensgefährten verloren hat, nagt eine Leere, die sich mit der Leere der Umgebung paart. Und zugleich: Was für eine Schule der Wahrnehmung. In der Reizreduktion zeigt sich jedes noch so unscheinbare Detail mit geradezu übersinnlicher Genauigkeit; die Tonlosigkeit steigert sich zum Gesang der Dinge. Im Ähnlichen entdeckt sie das immer Andere. Man wird der unspektakulären Melodie dieses Buches und der rhythmischen Präzision seiner Sätze nur gerecht, wenn man es langsam liest: mit einer Geduld, die nichts erwartet, und gerade deshalb mit einem Staunen über die Fülle seiner Einzelheiten belohnt wird. Ausgerechnet an einem Tag wie diesem zu sagen, dass Esther Kinsky vielleicht kein Buch für jeden geschrieben hat, mag wie Selbstsabotage klingen. Doch es will das genaue Gegenteil. Denn wenn es an „Hain“ etwas besonders zu rühmen gilt, dann ist es der Versuch, einen Weltzugang zu schaffen, der so keiner anderen Kunst und keiner Wissenschaft gelingt.

Autorin:

Esther Kinsky, 1956 in Engelskirchen geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Für ihr umfangreiches Werk, das Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen ebenso umfasst wie Lyrik, Essays und Erzählprosa, wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis der SWR-Bestenliste 2015 für ihren Roman Am Fluss (Matthes & Seitz, 2014) und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis 2016.

Sachbuch / Essayistik

Karl Schlögel: "Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt" (Verlag C.H. Beck)

Über das Buch
Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel lädt hundert Jahre nach der Revolution von 1917 mit seiner Archäologie des Kommunismus zu einer Neuvermessung der sowjetischen Welt ein. Er beschreibt eindrucksvoll die Objekte und Routinen des Lebens zu sowjetischen Zeiten und interessiert sich für die Paraden der Macht genauso wie für die Rituale des Alltags. Er erkundet die Weite des Eisenbahnlandes und die Enge der Gemeinschaftswohnung und stellt so die Sowjetunion als „Lebensform“ dar. In allem – ob im Mobiliar, im Duft des Parfums oder der Stimme des Radiosprechers – hat die Sowjetunion ihre Spur hinterlassen.

Zur Begründung der Jury:
Karl Schlögels Buch „Das sowjetische Jahrhundert“ ist meisterhaft erzählte und zugleich denkbar originelle Geschichtsschreibung. Denn seine Vergegenwärtigung dieses seltsamen Gebildes namens Sowjetunion ist keine lineare Erzählung, vom Anfang 1917 bis zum Ende 1991. Sondern es ist ein Streifzug mit Panoramablick, Summe jahrzehntelanger Beschäftigung. Schlögel durchdringt die Tiefenschichten einer Epoche und entwickelt dabei starke sinnliche Anschaulichkeit. Dieses Buch ist ein sehr modernes Buch, geschrieben nach dem Ende aller großen Erzählungen, von einem Autor, der diese großen Erzählungen aber bestens kennt. Seine Paten sind keine Historiker, eher Walter Benjamin und Roland Barthes. Vielleicht aber ist letztlich Schlögels Ton das Außergewöhnlichste an diesem Buch: ohne Triumphalismus oder Nostalgie, dafür in einer heroisch-scharfsichtigen Melancholie, mit Sinn für Tragik. Darin ähnelt er einem der großen Historiker aus dem 19. Jahrhundert, der sich ebenso stark für Kunst und Sitten, weniger für die Haupt- und Staatsaktionen interessierte: der Schweizer Jacob Burckhardt, an dessen 200. Geburtstag in wenigen Wochen erinnert wird. So wie dieser hat auch Schlögel den Blick für das Individuelle und das Allgemeine, für den Einzelnen auf den großen Wellen des historischen Ozeans. Und wer es bislang noch nicht wusste, der kann es jetzt in diesem Werk bewundern: Der Sowjet-Archäologe Karl Schlögel ist eigentlich ein großer Schriftsteller. Herzlichen Glückwunsch, lieber Herr Schlögel.

Autorin:
Karl Schlögel, 1948 geboren, lehrte bis zu seiner Emeritierung Osteuropäische Geschichte, zuerst an der Universität Konstanz, seit 1995 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Er ist Autor zahlreicher Bücher zur sowjetischen und osteuropäischen Geschichte. 2016 erhielt er für sein Buch Terror und Traum. Moskau 1937 (Hanser, 2008) den Preis des Historischen Kollegs.

Übersetzung

Sabine Stöhr und Juri Durkot: übersetzten aus dem Ukrainischen: "Internat" von Serhij Zhadan (Suhrkamp Verlag)

Über das Buch
Januar 2015, Donbass. Der junge Lehrer Pascha beobachtet, wie sich die Frontlinie seinem Zuhause nähert. Nun ist er gezwungen, diese Linie zu überschreiten, um seinen 13-jährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt nach Hause zu holen. Durch den Ort zu kommen, in dem das zivile Leben zusammengebrochen ist, dauert einen ganzen Tag, der Heimweg wird zu einer Prüfung. In einer authentischen und schmerzvollen Sprache schildert Serhij Zhadan, wie sich die vertraute Umgebung in ein unheimliches Territorium verwandelt. Seine Auseinandersetzung mit dem Krieg im Donbass findet mit seinem Roman Internat ihren vorläufigen Höhepunkt.

Zur Begründung der Jury:
Es ist Winter, ein Winter mit Schnee, der „blau-rosa“ aussieht, einem Abendhimmel, der „aus tiefen Poren dunkelt“, während über der Bahnstation ein „feuchter Signalton“ hängt und die Sonne untergeht und nichts als Kälte herrscht. Kälte und Kampfhandlungen, denn der von Sabine Stöhr und Juri Durkot so prägnant und packend aus dem Ukrainischen übersetzte und im Deutschen einfühlsam ausgelotete Roman Internat erzählt von einem fast vergessenen Krieg. Dem Krieg im äußersten Osten der Ukraine. Dass Zhadans großartiger Roman auch in der Übersetzung eine enorme Wucht entwickelt, liegt nicht nur am Sujet und der eigentümlichen, hyperwachen Stimmung, sondern auch an den kaskadenartigen Satzketten, die im Deutschen einen drängenden Erzählrhythmus erzeugen, und an der Sprache. In Sabine Stöhrs und Juri Durkots Übertragung entfalten die dichten Beschreibungen eine große Kraft. Lebendiger als in diesem Roman kann man vom Krieg nicht erzählen, lebendiger kann eine Übersetzung nicht sein. Sabine Stöhrs und Juri Durkots Schattierungen der Düsternis sind von großer Schönheit.

Übersetzerin:
Die Übersetzerin Sabine Stöhr, Jahrgang 1968, und der Übersetzer, Publizist, Journalist und Produzent Juri Durkot, 1965 in Lwiw (Ukraine) geboren, übertrugen gemeinsam mehrere Werke von Serhij Zhadan ins Deutsche. Zusammen mit dem ukrainischen Autor erhielten sie 2014 den Brücke Berlin Literatur- und Übersetzerpreis für den Roman Die Erfindung des Jazz im Donbass.

2018 Nominierte

Belletristik

  • Isabel Fargo Cole: "Die grüne Grenze" (Edition Nautilus)
  • Anja Kampmann: "Wie hoch die Wasser steigen" (Carl Hanser Verlag)
  • Esther Kinsky: "Hain. Geländeroman" (Suhrkamp Verlag)
  • Georg Klein: "Miakro" (Rowohlt Verlag)
  • Matthias Senkel: "Dunkle Zahlen" (Matthes & Seitz Berlin)

Sachbuch / Essayistik

  • Martin Geck:"Beethoven. Der Schöpfer und sein Universum" (Siedler Verlag)
  • Gerd Koenen: "Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus" (Verlag C.H. Beck)
  • Andreas Reckwitz: "Die Gesellschaft der Singularitäten" (Suhrkamp Verlag)
  • Bernd Roeck: "Der Morgen der Welt" (Verlag C. H. Beck)
  • Karl Schlögel: "Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt" (Verlag C. H. Beck)

Übersetzung

  • Robin Detje: übersetzte aus dem Englischen: "Buch der Zahlen" von Joshua Cohen (Schöffling & Co.)
  • Olga Radetzkaja: übersetzte aus dem Russischen: "Sentimentale Reise" von Viktor Schklowskij (Die Andere Bibliothek)
  • Sabine Stöhr und Juri Durkot: übersetzten aus dem Ukrainischen: "Internat" von Serhij Zhadan (Suhrkamp Verlag)
  • Michael Walter: übersetzte aus dem Englischen: "Werkausgabe in 3 Bänden" von Laurence Sterne (Verlag Galiani Berlin)
  • Ernest Wichner: übersetzte aus dem Rumänischen: "Oxenberg und Bernstein" von Cătălín Mihuleac (Paul Zsolnay Verlag)

2017 Preisträger

Belletristik

Natascha Wodin: "Sie kam aus Mariupol" Rowohlt Verlag)

Über das Buch

Natascha Wodin erzählt die Geschichte ihrer Mutter, die aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol stammte und in die Fänge zweier Diktaturen geriet: Als junge Frau erlebt sie den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror, wird 1944 von den Nazis als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt, überlebt die Zwangsarbeit und zerbricht daran. Nach intensiven Recherchen zeigt Natascha Wodin in ihrem Buch über ihre Mutter historisch aufschlussreich, fesselnd und plastisch, wie das Zeitgeschehen in das Leben einzelner eingreift und bringt dem Leser ein Schicksal nahe, das beispielhaft für Millionen andere stehen kann.

Zur Begründung der Jury:

In „Sie kam aus Mariupol“ forscht Natascha Wodin nach den Lebensspuren ihrer ukrainischen Mutter Jewgenia - und stößt auf das Schicksal ihrer Tante Lidia. Während die Mutter 1943 mit ihrem russischen Mann als Zwangsarbeiterin in ein Leipziger Montagewerk für Kriegsflugzeuge verschleppt wurde, kam die Tante zehn Jahre zuvor in ein sowjetisches Straflager. Das ist die ungeheuerliche Parallelität, die die Familiengeschichte zerteilt. „Sie kam aus Mariupol“ ist nicht aus einem Guss, weil es angesichts der Brüche des 20. Jahrhunderts gar nicht aus einem Guss sein kann. In vier hart gefügten Teilen treibt es aus unterschiedlichen Richtungen seine Stollen durch ein Massiv kollektiver und individueller Gewalt. Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch. Erinnerungsarbeit als Widerstand gegen das eigene Zerbrechen: Die Rettung, die sich Natascha Wodin davon erhofft, bleibt aus. Aber die Tapferkeit, mit der sie den Dämonen ins Gesicht sieht, die sie bannen muss, hat auch etwas ungemein Ermutigendes. Davon kann sich jeder Leser von „Sie kam aus Mariupol“ überzeugen.

Autorin:

Natascha Wodin, 1945 in Fürth geboren, ist seit 1981 freie Schriftstellerin und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt für Sie kam aus Mariupol mit dem Alfred-Döblin-Preis 2015. In ihren Werken setzt Natascha Wodin sich vor allem mit dem Thema der Entwurzelung, Fremdheit und Ortlosigkeit auseinander. Zuletzt erschienen sind Nachtgeschwister (Kunstmann, 2009) und Alter, fremdes Land (Jung und Jung, 2014).

Sachbuch / Essayistik

Barbara Stollberg-Rilinger: "Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit" (Verlag C.H.Beck)

Über das Buch
Eine "Weiberherrschaft" war im 18. Jahrhundert an sich nicht ungewöhnlich – neu aber war, dass Kaiserin Maria Theresia das Geschäft des Regierens als ihre persönliche Aufgabe ernst nahm. Damit unterschied sie sich von vielen europäischen Monarchen, die lieber ihren Neigungen nachgingen und die Amtsgeschäfte anderen überließen. Gestützt auf zahllose, mitunter kaum bekannte Quellen lässt Barbara Stollberg-Rilinger in ihrer bahnbrechenden Biographie die Verhältnisse am Habsburger Hof lebendig werden, ordnet die Person in die Traditionen ihrer Zeit ein und reflektiert dabei das Geschlecht ihrer „Heldin“ immer mit, ohne es zum Zentrum zu machen.

Zur Begründung der Jury:
Barbara Stollberg-Rilingers große Biographie über die Habsburgerin ist tatsächlich bahnbrechend: Zum einen rückt sie eine der bedeutenden Gestalten in der europäischen Geschichte endlich in das ihr gebührende Licht. Und dieses Licht ist postmodern, so wie sie es selber formuliert. Sie sucht nicht die geheime Wurzel, den Generalschlüssel zur Person, so wie es viele Autoren oft genug versuchen und sich dabei selber täuschen. Sie beschreibt stattdessen dieses Leben als Inszenierung eines Spiels in vielen verschiedenen, aber gleichzeitigen Rollen. Natürlich kommt auch die Liebende vor, die Frau, die Mutter von 16 Kindern, Wut, Enttäuschung, Tränen. Aber Barbara Stollberg-Rilinger stützt sich nie auf die morsche Krücke der Psychologisierung. Es gelingt der Autorin, eine ganze Epoche durch diese Gestalt zu erschließen. Unzählige Quellen werden bezwingend von ihr arrangiert und gedeutet, Barbara Stollberg-Rilingers Stil ist glänzend, von dezenter Eleganz. Maria Theresia ist keine Angela Merkel des 18. Jahrhunderts. Aber diese Biographie schärft dennoch unseren Blick auf Rituale und Zeremonien heute und deren Logiken. Die symbolische Ordnung und die Welt der Zeichen in unserer Gegenwart des 21. Jahrhunderts: Sie sieht man nach der Lektüre präziser, unbestechlicher gleichsam in einem anderen Licht. Mit dem Begriff „Meisterwerk“ sollte man ja lieber sorgsam haushalten. Aber manchmal wäre es ein sachlicher Irrtum, das M-Wort nicht auszusprechen. Also: Diese Biographie ist ein Meisterinnenwerk.

Autorin:
Barbara Stollberg-Rilinger, 1955 geboren, lehrt als Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster. Sie wurde für ihre Forschung mehrmals ausgezeichnet, u.a. mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis. Sie veröffentlichte Monographien und Studienbücher, zuletzt Rituale (Campus Verlag, 2013) und Des Kaisers alte Kleider: Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches (C.H. Beck 2013).

Übersetzung

Eva Lüdi Kong: übersetzte aus dem Chinesischen: Ungewisser Verfasser: Die Reise in den Westen (Reclam Verlag)

Über das Buch
In Die Reise in den Westen wird von vier Pilgern erzählt, die sich auf Geheiß des Kaisers auf den langen und gefahrvollen Weg in den Westen machen, um Buddha zu huldigen: der fromme Priester Tripitaka und seine Begleiter, Affenkönig Sun Wukong, Eber Bajie und der grässlich anzuschauende Sandmönch. Die drei haben einst im Himmel Missfallen erregt und wurden auf die Erde verbannt, um sich dort zu bewähren. Diese Geschichte um die beliebten chinesischen Legenden und Mythen kennt in ihrem Ursprungsland jedes Kind, doch wurde der Roman bisher nie vollständig ins Deutsche übersetzt.

Zur Begründung der Jury:
„Die Reise in den Westen“ ist das wohl bedeutendste, in jedem Fall das populärste Buch der chinesischen Literatur. Bis heute lebt es fort in Mangas, Filmen, Computerspielen. Wann das Buch entstand, wer sein Autor ist, das weiß man nicht; in seiner heutigen Fassung ist es rund 400 Jahre alt. Dieses Buch hat es bislang auf Deutsch nicht gegeben, höchstens in kleineren Auszügen. Dass es nun in seiner ganzen Fülle und Vielfalt vorliegt, ist das Verdienst von Eva Lüdi Kong. Es war ein Werk der Liebe, das viele Jahre in Anspruch nahm. Sie hat es in ein modernes, lebendiges Deutsch gebracht; aber sie hat noch mehr getan als das. Die vielen uns Europäern unverständlichen Aspekte hat sie durch einen umfangreichen Apparat erschlossen und den Kosmos der chinesischen Kultur zugänglich gemacht, mit all seinen konfuzianischen, buddhistischen, daoistischen, alchemistischen Traditionen. Frau Lüdi Kong hat 25 Jahre in China gelebt, und ohne ihre profunden Kenntnisse, Geduld und Begeisterung hätte dieses außerordentliche Projekt nicht gelingen können. Nicht nur von einer Sprache in die andere hat sie übersetzt, sondern einen Abgrund der Zeiten und Denkungsarten überbrückt, treu dem wahren Begriff der Weltliteratur als einer Literatur aus der ganzen Welt für die ganze Welt.

Übersetzerin:
Eva Lüdi Kong ist 1968 in Biel/Bienne in der Schweiz geboren. Bereits während ihres Studiums der Sinologie in Zürich sowie der Chinesischen Kalligrafie, der Kunst und der Klassischen Chinesischen Literatur in Hangzhou war sie als Sprachlehrerin, Dolmetscherin und Übersetzerin tätig. Sie lebte 25 Jahre in China, arbeitete in Lehre und Forschung und widmet sich bis heute vorrangig der Übersetzung und Kulturvermittlung.

2017 Nominierte

Belletristik

  • Lukas Bärfuss: „Hagard“ (Wallstein Verlag)
  • Brigitte Kronauer: „Der Scheik von Aachen“ (Klett-Cotta)
  • Steffen Popp: „118“ (Kookbooks)
  • Anne Weber: „Kirio“ (S. Fischer)
  • Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt)

Sachbuch / Essayistik

  • Leonhard Horowski: „Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts“ (Rowohlt)
  • Klaus Reichert: „Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen“ (S. Fischer)
  • Jörg Später: „Siegfried Kracauer. Eine Biographie“ (Suhrkamp)
  • Barbara Stollberg-Rilinger: „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit” (C.H.Beck)
  • Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ (Klett-Cotta)

Übersetzung

  • Holger Fock, Sabine Müller: übersetzten aus dem Französischen „Kompass" von Mathias Énard (Hanser Berlin)
  • Gregor Hens: übersetzte aus dem Englischen „Shark“ von Will Self (Hoffmann und Campe)
  • Gabriele Leupold: übersetzte aus dem Russischen „Die Baugrube“ von Andrej Platonow (Suhrkamp)
  • Eva Lüdi Kong: übersetzte aus dem Chinesischen „Die Reise in den Westen“ (Reclam)
  • Petra Strien: übersetzte aus dem Spanischen „Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“ von Miguel de Cervantes (Die Andere Bibliothek)

2016 Preisträger

Belletristik

Guntram Vesper: "Frohburg" (Schöffling & Co.)

Zur Begründung der Jury:
Guntram Vespers Roman "Frohburg" gehört zu den Büchern, bei denen man leicht, ganz schnell, auf die großen Begriffe kommt. Opus magnum. Mammutwerk. Solche Wendungen. Schließlich breitet Guntram Vesper eine umfangreiche Geschichtslandschaft vor uns aus, die von der Gegenwart aus die alte Bundesrepublik, die DDR natürlich, die Nazizeit umfasst und weit in die Geschichte Deutschlands zurückbindet, bis dahin, wohin nur noch die Geschichtsbücher reichen. Es lohnt sich aber, bei diesem Roman nicht nur den großen Bau zu sehen, sondern auf die Ebene der Details zu gehen, die Ebene der einzelnen Sätze. Die Sätze in diesem Buch sind lang, oft bringen sie gleich mehrere Perspektiven zusammen, und sie sind stets konkret, geatmet, nah dran an der Mündlichkeit. Insgesamt folgen sie dabei einer Ästhetik des Verknüpfens. Man spürt beim Lesen manchmal gar nicht, wie gleitend diese Sätze einen durch die Zeiten und Geschichten, Namen und Schauplätze tragen. Und genauso folgt der Roman auch auf der größeren Ebene dieser Ästhetik des Verknüpfens. Die große Geschichte – Weltkrieg, Einmarsch der Roten Armee, DDR-Alltag, auch Alltag des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs – wird mit dem Kleinen, der Geschichte Frohburgs und der eigenen Familiengeschichte verknüpft.

Wovon dieser Roman handelt, das ist letztendlich immer auch die Übermacht von Geschichte, Kriege, Systeme, historischer Wandel, der über die konkreten einzelnen Menschen hinwegrollt. Diese Erfahrung des 20. Jahrhunderts ist in dem Buch aufbewahrt, und zwar – und das ist wichtig – ohne aus den sogenannten kleinen Leuten Helden zu machen. Der Roman handelt aber auch von dem Erzähler, dem Verknüpfer, den Guntram Vesper der Übermacht an Geschichte entgegenhält. Auch der Erzähler hat, bei all seinem Können, nichts Heldisches, er ist ein, wie man bei diesem lebenssatten Buch mit Erstaunen immer wieder feststellen kann, erstaunlich junger, immer wieder von sich selbst überraschter Erzähler. Man glaubt ihm gern, dass seine Erzählungen wahr sind.

Autor:
Guntram Vesper, 1941 in Frohburg geboren, lebt und arbeitet als freier Autor in Göttingen. Sein Lyrikdebüt Fahrplan erschien 1964. Neben Gedichten verfasste er vor allem Hörspiele und Erzählungen. Er wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, u. a. mit dem Peter-Huchel-Preis 1985. 2006 erhielt er die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung.

Sachbuch / Essayistik

Jürgen Goldstein: "Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt" (Matthes & Seitz)

Zur Begründung der Jury:
Der Entdecker, Zeichner, Schriftsteller, Übersetzer und Revolutionär Georg Forster, der an James Cooks zweiter Weltumseglung teilnahm und 1793 die Mainzer Republik ausrief, hat die Leser mit seiner "Reise um die Welt" betört. Jürgen Goldstein ist offenbar bei ihm in die Lehre gegangen. Seine Prosa ist anschaulich und unaufgeregt. Auf wunderbare Weise findet er genau das richtige Maß, sehr fein tariert er das Verhältnis von Originalzitaten und Deutung aus. Entschlossen tritt er hinter seinen Gegenstand zurück, der dadurch umso besser zur Geltung kommt. "Zwischen Freiheit und Naturgewalt" heißt das Buch im Untertitel. Es lässt jene kurze Episode des Globalisierungsprozesses aufleuchten, als Entdeckungen noch Verheißungen waren, noch nicht auf der Kippe, um in Verlustgeschichte umzuschlagen. Auch Georg Forsters Leben endete mit einer Verlusterfahrung. Jürgen Goldstein fängt sie durch geschickte Montage wie ein Prisma ein. Die Tragik dieses politischen Naturschwärmers hat nichts Heroisches, sie wird gestreift von einer Art Sanftmut und Schicksalsergebenheit. Als leidenschaftlicher Jakobiner sitzt er am Ende seines Lebens allein in Paris und sieht durch die Jakobinische Schreckensherrschaft all seine Hoffnungen zerstört. Noch einmal versucht er, die Revolution als Naturereignis zu legitimieren, das sich – wie der Ausbruch eines Vulkans – nicht aufhalten lässt. In einem Brief an seine längst die Scheidung betreibende Frau schreibt er wahrheitsgemäß: "Aus der Ferne sieht alles anders aus, als man es bei näherer Betrachtung findet."

Jürgen Goldsteins Forster-Buch ist mehr als eine Biografie. Es liest sich wie der Abenteuerroman eines Lebens, voller Erkenntnisse, die bis heute gültig sind.

Autor:
Jürgen Goldstein, geboren 1962 in Beckum, lehrt als Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Aspekte der Politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, die Konstitution der neuzeitlichen Subjektivität und Rationalität, u.a. bei Hans Blumenberg und Descartes, sowie die Geschichte der Naturwahrnehmung. 2013 erschien Die Entdeckung der Natur bei Matthes & Seitz Berlin. Für Georg Forster erhielt er im Herbst 2015 den Gleim-Literaturpreis.

Übersetzung

Brigitte Döbert übersetzte aus dem Serbischen: "Die Tutoren" von Bora Ćosić (Schöffling & Co.)

Zur Begründung der Jury:
Unübersetzbar: Es gibt Bücher, denen dieser Ruf vorauseilt, als wäre es ihr Schicksal. Ein trauriges Schicksal, denn es würde bedeuten, dass es aus der Sprache seines Ursprungs nicht heraus kann, und ein umso traurigeres, wenn diese Sprache nicht groß ist. Aber manche Übersetzer und Übersetzerinnen fühlen sich gerade durch solche 8000er der Literatur herausgefordert. So erging es offenbar auch Brigitte Döbert, die das Opus magnum des serbischen Autors Bora Ćosić ins Deutsche gebracht hat: Die Tutoren. Es ist ein Buch, das fünf Generationen, 150 Jahre und eine unglaubliche Menge von Personal umfasst.

Brigitte Döbert hat viel Zeit und Herzblut in dieses Projekt gesteckt, sie hat recherchiert, wie es so flächendeckend erst heute, im Zeitalter des Internets, geht, um noch den obskursten Anspielungen nachzuspüren, und für jede Nuance den eigenen Ton gefunden. Außer von der Pflicht zur Genauigkeit hat sie sich auch von jener Kühnheit leiten lassen, die man braucht, wenn man dem weit entfernten Fremden in der neuen Sprache eine Heimat schaffen will.

Übersetzerin:
Brigitte Döbert, geboren 1959 in Offenbach am Main, ist freiberufliche Lektorin, Autorin und Literaturübersetzerin aus dem Bosnischen, Englischen, Kroatischen und Serbischen. Sie übersetzt neben Bora Ćosić u. a. Dževad Karahasan, Roman Simić, Dragan Velikić und Miljenko Jergović. Döbert hat zahlreiche Stipendien erhalten, darunter das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2012 war sie für den Brücke-Berlin-Preis nominiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin. ihre Übersetzungen wurden u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, der Carl-Zuckmayer-Medaille für Verdienste um die deutsche Sprache und der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. Sie übersetzte u. a. Aharon Appelfeld, Zeruya Shalev und John Steinbeck.

2016 Nominierte

Belletristik

  • Marion Poschmann: "Geliehene Landschaften. Lehrgedichte und Elegien" (Suhrkamp Verlag)
  • Roland Schimmelpfennig: "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" (S. Fischer Verlag)
  • Nis-Momme Stockmann: "Der Fuchs" (Rowohlt Verlag)
  • Heinz Strunk: "Der goldene Handschuh" (Rowohlt Verlag)
  • Guntram Vesper: "Frohburg" (Schöffling & Co.)

Sachbuch / Essayistik

  • Jürgen Goldstein: "Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt" (Matthes & Seitz Berlin)
  • Christoph Ribbat: "Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne" (Suhrkamp Verlag)
  • Ulrich Raulff: "Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung" (Verlag C. H. Beck)
  • Werner Busch: "Adolph Menzel. Auf der Suche nach der Wirklichkeit" (Verlag C. H. Beck)
  • Hans Joachim Schellnhuber: "Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff" (C.Bertelsmann)

Übersetzung

  • Claudia Hamm: übersetzte aus dem Französischem: "Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes" (Verlag Matthes & Seitz Berlin )
  • Frank Heibert: übersetzte aus dem amerikanischen Englisch: "Richard Ford: Frank" (Hanser Berlin)
  • Ursula Keller: übersetzte aus dem Russischen: "Michail Ossorgin: Eine Straße in Moskau" (Die Andere Bibliothek)
  • Brigitte Döbert: übersetzte aus dem Serbischen: "Bora Ćosić: Die Tutoren" (Schöffling & Co.)
  • Kirsten Brandt: übersetzte aus dem Katalanischen: "Joan Sales: Flüchtiger Glanz" (Carl Hanser Verlag)

2015 Preisträger

Belletristik

Jan Wagner: "Regentonnenvariationen. Gedichte" (Hanser Berlin Verlag)

Zur Begründung:

Jan Wagners Gedichte haken sich im Gedächtnis fest. Sie sind anschaulich, spezifisch, von zurückhaltender Intelligenz. Flora, Fauna und menschliche Debakel nimmt er freundlich in den Blick, ohne allzu viel Aufhebens um seine Wahrnehmungsfähigkeit zu machen. Klassische Formen wie die Ode oder das Sonett verwendet Jan Wagner ganz unauffällig, in meist reimlosen Versen, deutlich rhythmisiert und oft mit erzählerischem Schwung. Die Lyrik ist die von den Lesern am meisten unterschätzte Gattung. Dabei war sie einst die Königsdisziplin. Gedichte bieten Ruhe und Konzentration auf engstem Raum. Sie sind kleine Bollwerke gegen Ablenkung und Zerstreuung. Und sie sind nicht flüchtig: fürs Wiederholen gemacht, prägen sie sich dem Gedächtnis ein. Jan Wagners Gedichte schenken dem Kleinen, dem Nebensächlichen Beachtung. Und sie machen es dem Leser nicht schwer. Dass nun zum ersten Mal beim Preis der Leipziger Buchmesse ein Gedichtband ausgezeichnet wird, wirkt hoffentlich wie ein Paukenschlag. Der möge den „Regentonnenvariationen“, dem mittlerweile fünften Gedichtband des Lyrikers, viele Leser bescheren.

Der Autor:

Jan Wagner, 1971 in Hamburg geboren, lebt als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber in Berlin. 2001 erschien sein erster Gedichtband Probebohrung im Himmel. Es folgten Guerickes Sperling (2004), Achtzehn Pasteten (2007), Australien (2010) und Die Eulenhasser in den Hallenhäusern (2012). Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kranichsteiner Literaturpreis und dem Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen sowie dem Mörike-Preis 2015.

Sachbuch / Essayistik

Philipp Ther: "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa" (Suhrkamp Verlag)

Zur Begründung:

Ein Wirtschaftsbuch? Ein politisches Buch? Eine Kulturgeschichte? Eine Reportage oder gar Erinnerungen? Wer die Landschaft der nonfiction-Literatur, der Sachbücher, beobachtet, nimmt naturgemäß unterschiedlichste Genres in den Blick. Einer der vielen Vorzüge des Buches von Philipp Ther ist, dass es unterschiedlichste Genres in einem Band vereint. Es ist ein Wirtschaftspolitikideengeschichtsbuch, mit reportierenden Einsprengseln, unter besonderer Berücksichtigung der eigenen Erinnerung. Philipp Ther holt in „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ die Vorgeschichte der Reformen von 1989/90 aus den Akten der achtziger Jahre, die Rezepte, die sich mit den Namen Thatcher oder Reagan verbinden. Er beschreibt die Praxis und die Nebenwirkungen der neoliberalen Therapien, die in den Staaten jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs angewendet wurden, während der neunziger und während der nuller Jahre. Vor allem aber reist Philipp Ther mit seinen Lesern durch Prag oder Bratislava oder Budapest und auch übers flache Land. Das Buch changiert aufs Erhellendste zwischen Anschauung und Abstraktion. Am Ende haben wir eine genauere Vorstellung von den Kontinentalplattenverschiebungen – politisch, geistig, materiell –, die in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten dazu geführt haben, dass heute, unter dem Titel „Ukraine-Konflikt“, in Europa wieder Krieg herrscht.

Mit „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent“ ist eine ganz eigene Geschichte der Gegenwart gelungen; eine Geschichte unserer Gegenwart. Man versteht sie besser nach der Lektüre.

Der Autor:

Philipp Ther, geboren 1967 im Kleinwalsertal, Österreich, ist Professor am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Zuvor war er u. a. John F. Kennedy Fellow an der Harvard University. 2011 erschien sein Buch Die dunkle Seite der Nationalstaaten. „Ethnische Säuberungen“ im modernen Europa das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Übersetzung

Mirjam Pressler übersetzte aus dem Hebräischen: "Amos Oz: Judas" (Suhrkamp Verlag)

Zur Begründung:

Das Kammerspielartige dieses vielschichtigen Romans findet sich in den still wirkenden Beschreibungen. Aber es findet sich auch der weite Kontext, in dem dieser Roman spielt. Der politische Kontext Israels um das Jahr 1960 - gelangweilte Heckenschützen - was für eine Wendung! -, das Gewicht der Mauern. Hinter dem Kammerspiel, in dem Oz von drei lebenden Menschen und einigen toten Menschen erzählt, die vermisst und betrauert werden, stehen bei Oz die großen Geschichten von Krieg, Frieden und vielleicht möglich gewesenen Alternativen zum Krieg. Diese Szenen - das ist aber auch die Übersetzerin Mirjam Pressler. Bei ihr klingen die Szenen so leicht, so selbstverständlich - wie dieser ganze Roman im Klang etwas immer auch etwas Leichtes, manchmal erfrischend Altmodisches, stets Lebendiges hat - in die dann Dialoge über die Figur des Jesus aus der Sicht der Juden und über die schwerwiegenden Entscheidungen bei der israelischen Staatsgründung lebendig eingebaut sind. Diese Szenen sind in der Übersetzung wie der ganze Roman unter anderem deshalb so gelungen, weil hier nichts nach Übersetzung klingt. Keine Spur des Hebräischen - keine leicht zu übersetzende Sprache - hallt hier nach. Zugleich hat Mirjam Pressler einen Ton gefunden, der sowohl das Kammerspielartige dieses Romans transportiert wie die großen Geschichten, die in ihm stecken.

Ausgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis 2015 wird sie aber keineswegs für diese vielfältigen Verdienste. Sondern ausdrücklich für ihre Übersetzung des Romans "Judas" von Amos Oz, die im Gelingen etwas Beispielhaftes hat. Ein großes Engagement und eine große Kompetenz kamen hier zusammen in einer Zeit, in der dieser Roman auch so etwas wie ein Buch der Stunde ist. Ein Roman, der uns sehr literarisch in viele Hintergründe der konfliktreichen Geschichten rund um Jerusalem einführen kann.

Der Autor

Mirjam Pressler, geboren 1940, ist Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Hebräischen, Englischen und Niederländischen. Ihre Kinder- und Jugendbücher bzw. ihre Übersetzungen wurden u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, der Carl-Zuckmayer-Medaille für Verdienste um die deutsche Sprache und der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. Sie übersetzte u. a. Aharon Appelfeld, Zeruya Shalev und John Steinbeck.

2015 Nominierte

Belletristik

  • Ursula Ackrill: "Zeiden, im Januar" (Verlag Klaus Wagenbach)
  • Teresa Präauer: "Johnny und Jean" (Wallstein Verlag)
  • Norbert Scheuer: "Die Sprache der Vögel" (Verlag C.H. Beck)
  • Jan Wagner: "Regentonnenvariationen" (Hanser Berlin)
  • Michael Wildenhain: "Das Lächeln der Alligatoren" (Klett-Cotta Verlag)

Sachbuch / Essayistik

  • Philipp Felsch: "Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960 bis 1990" (Verlag C. H. Beck)
  • Karl-Heinz Göttert: "Mythos Redemacht. Eine andere Geschichte der Rhetorik" (S. Fischer Verlag)
  • Reiner Stach: "Kafka. Die frühen Jahre" (S. Fischer Verlag)
  • Philipp Ther:: "Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa" (Suhrkamp Verlag)
  • Joseph Vogl: "Der Souveränitätseffekt" (diaphanes Verlag)

Übersetzung

  • Klaus Binder: übersetzte aus dem Lateinischen: "Lukrez: Über die Natur der Dinge" (Verlag Galiani Berlin)
  • Elisabeth Edl: übersetzte aus dem Französischen: "Patrick Modiano: Gräser der Nacht" (Carl Hanser Verlag)
  • Moshe Kahn: übersetzte aus dem Italienischen: "Stefano D'Arrigo: Horcynus Orca" (S. Fischer Verlag)
  • Mirjam Pressler: übersetzte aus dem Hebräischen: "Amos Oz: Judas" (Suhrkamp Verlag)
  • Thomas Steinfeld: übersetzte aus dem Schwedischen: "Selma Lagerlöf: Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden" (Die Andere Bibliothek)

2014 Preisträger

Belletristik

Saša Stanišić , "Vor dem Fest" (Luchterhand Literaturverlag)

Zur Begründung:

Saša Stanišić hat ein Dorf erfunden, das es ganz gewiss gibt. Nur vielleicht nicht so menschenfreundlich, so unverdrossen. Er macht die Räume eng und die Zeit, erzählt von einer einzigen Nacht, der Nacht vor dem Annenfest, in der sich unwahrscheinlich viel ereignet und manches entscheidet. Zugleich jedoch stößt er die Tür zur Vergangenheit auf. „Vor dem Fest“ unternimmt eine Probebohrung in die Tiefe deutscher Geschichte als Mythologie; ein Unternehmen allerdings, das den gegenwärtigen Kult weihevollen Gedenkens subtil verspottet: Die alten Schriften, Chronikberichte, Legenden und haarsträubenden Anekdoten à la Kleist, die im „Haus der Heimat“ von einer gemütskranken Kustodin verwahrt werden, sind von höchst zweifelhafter Herkunft. Was das Vergnügen daran nicht mindert. Stanišić hat ein Dorf aus Sprache erfunden, ein Kaleidoskop, einen Kosmos aus vielen Stimmen, Klangfarben, Jargons, die Welt in nuce, magisch zusammengehalten von einem kollektiven Erzähler, der dazugehört, einem, der verschmitzt ist und gewitzt und klug und ein bisschen weise. Als gälte es, das Zerrbild des Antiheimatromans geradezurichten, dessen Typologie nur das verpatzte Fest kennt. Diese Dörfler sind keine Schurken, Sünder sind sie allemal. Weil auch die Tiere zu dieser fabelhaften Welt der Nussschale gehören, kann eine Füchsin oder Fähe vor einer Bäckerei stehen und denken: „Darin machen Menschen das, was Menschen am liebsten machen: aus einer Sache eine andere.“ Aus einer Sache eine andere machen, das klingt nach einer Mischung aus Handwerk und Alchemie – und nichts anderes macht Saša Stanišić dank stupendem Sprach- und Erzählwitz mit und aus seinem Stoff: man nennt es Literatur, und es lässt sich nicht einsperren in ein Ghetto ewigen Migrantentums. Omne solum forti patria est. Dem Starken ist jeder Boden Heimat. Auch der Sand der Uckermark.

Der Autor:

Saša Stanišić, geboren 1978 im Osten Bosniens, kam als Jugendlicher nach Deutschland. Er studierte in Heidelberg und am deutschen Literaturinstitut Leipzig. Der Autor, Blogger und Kolumnist erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, unter anderem den Kelag-Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs. Sein Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ stand 2006 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Sachbuch / Essayistik

Helmut Lethen, "Der Schatten des Fotografen" (Rowohlt Berlin)

Zur Begründung:

Wir alle sind von Bildern umgeben und umstellt. Weil das so ist, bleibt uns im Alltag kaum etwas anderes übrig, als ihnen einfach zu glauben. Oder, die andere Möglichkeit, wir misstrauen den Bildern fundamental. Nichts ist nützlicher in dieser Lage als eine Verhaltenslehre des Sehens, wie sie Helmut Lethen in seinem neuen Buch „Der Schatten des Fotografen“ vorlegt. Nicht, dass man sich mit diesem Buch durch Youtube-Videos klicken würde. Seine Welt ist vielmehr das Zeitalter der Fotografie. Denn Bilder – so sagt es der Literaturwissenschaftler Lethen mit dem Bildwissenschaftler Hans Belting –, Bilder sind Nomaden, die ihre Zelte in verschiedenen Medien aufschlagen. Was die so unterschiedlichen Bilder in diesem Buch zusammenhält, ist nicht nur die ebenso sinnliche wie analytische Weise, in der Lethen seine Bilder betrachtet. Es ist auch die bohrende Frage nach ihrer Wirklichkeit. Eine Frage, die umso bohrender klingt, insofern sie ein Autor aus einer Generation stellt, die einst lernte und lehrte, dass Zeichen auf nichts anderes verweisen als auf andere Zeichen. In diesem Buch gibt es Bilder, die emphatisch zeigen, dass hinter ihnen genau nichts zu finden sei; Bilder, die als Schwindel erregende Ironie-Maschinen fungieren. Doch was die insistierende Frage nach dem Dahinter bei anderen Bildern ergibt, ist nichts anderes als existenziell. Die Frau, die auf dem Cover des Buches abgebildet ist, watet mit nackten Füßen durch einen Fluss, Richtung trockenes Ufer. Ein idyllischer Anblick (eine Schäfer-Szene?). Erst der karge Hinweis auf der Rückseite des Fotos – „Minenprobe … 1942“ – macht die Frau sichtbar als das, was sie war: vorgeschickt von Soldaten an der Ostfront, als lebendiges Minensuchgerät.„Sollte ich Extremsituationen leibhaftig erfahren haben, sind sie mir offenbar nicht so in die Knochen gefahren wie angsteinjagende … Bilder oder Filme“, schreibt Helmut Lethen. Bilder können ihm wie Wackersteine in der Brust liegen – oder auch erotisch anmutende Berührungen mit der Wirklichkeit ermöglichen. Dieses berührbare Autor-Ich nimmt die Leserin, den Leser mit durch dieses Buch. Wir hören, wie der Schüler in den Fünfzigerjahren im Kino von den Nazi-Verbrechen erfuhr. Wir sitzen dabei, wenn er zur Zeit der Niederschrift dieses Buches in einer Wiener Netzhaut-Ambulanz auf seine Behandlung wartet. Und vor allem sehen wir, wie er denkend mit den Bildern ringt.

Wenn man dieses Buch als Verhaltenslehre des Sehens bezeichnet – als nützliche, sinnliche, analytische Verhaltenslehre des Sehens –, dann nur, wenn man einen Aspekt noch ergänzt. Nichts Autoritäres gibt es hier, im Gegenteil. „Der Schatten des Fotografen“, das ist eine Lehre zum Mitdenken; anregend noch lange nach der Lektüre.

Vielen Dank dafür und – herzlichen Glückwunsch, Helmut Lethen!

Der Autor:

Helmut Lethen, geboren 1939, leitet seit 2007 das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Sein Buch „Verhaltenslehre der Kälte“ (1994) über die Intellektuellen in der Weimarer Republik gilt als Standardwerk. 2006 erschien seine Gottfried-Benn-Biographie „Der Sound der Väter“.

Übersetzung

Aus dem amerikanischen Englisch von Robin Detje William T. Vollmann: Europe Central (Suhrkamp Verlag)

Zur Begründung:

Die Arbeit des Übersetzers ist der eines Schauspielers nicht ganz unähnlich. Auch der Übersetzer deutet einen Text nicht nur an, sondern er inszeniert ihn im Gewand der neuen Sprache. Für diesen schöpferischen Akt schlüpft er in fremde sprachliche Rollen. Dass Robin Detje nun nicht nur Autor und Übersetzer ist, sondern auch Theaterschauspieler, mag ihm bei seiner Übertragung von William T. Vollmanns Roman „Europa Central“ durchaus zugute gekommen sein. Denn es sind unfassbar viele Positionen, Charaktere und Perspektiven, die er in diesem grandiosen Stück Literatur auszufüllen hatte. Der Roman „Europe Central“ ist ein Stimmwunder über Krieg und Diktatur im zwanzigsten Jahrhundert. Auf mehr als tausend Seiten versammelt es die Einzelschicksale von mindestens vierzig Figuren aus deutscher und sowjetischer Perspektive. Wir hören von historischen Künstlerfiguren wie Käthe Kollwitz und Anna Achmatowa ebenso wie von Generälen, die wie Wlassow und Paulus als Kriegsgefangene jeweils die Seiten wechselten. William T. Vollmann führt uns durch die versehrte Kriegslandschaft, die dieses Mitteleuropa einmal war, er geht mit uns ins belagerte Leningrad ebenso wie nach Stalingrad, Dresden, Moskau und Auschwitz. Das alles wird berichtet von einer Erzählerstimme, die immer wieder die Identität wechselt. Acht Jahre hat es gedauert, bis „Europe Central“ nach dem Erscheinen des amerikanischen Originals im Jahre 2005 nun endlich auch auf Deutsch vorliegt. Und es ist das große Verdienst dieser Ausgabe, dass Robin Detje anderthalb Jahre lang daran arbeiten konnte, so dass er auch den wichtigen und überaus spannenden Quellenapparat mit mehr als 750 Anmerkungen für die deutsche Ausgabe penibel nachrecherchieren konnte.

Robin Detje schreibt seine Übersetzung stimmig am amerikanischen Original entlang. Immer wieder findet er überzeugende Entsprechungen für Töne, Bilder, Motivreihen. Mit diesem Sprachgefühl, Akribie und auf Augenhöhe mit dem Autor bringt er uns diese Hymne auf die Kunst des Erzählens, die dabei selbst die Grenzen klassischen Erzählens immer wieder durchbricht, auch musikalisch nah. Nicht ohne Grund steht Dimitri Schostakowitsch im Zentrum des Romans, von dessen Kompositionen sich der Autor auch sprachlich inspirieren ließ. William T. Vollmann hat mit „Europe Central“ eine bedeutende literarische Studie über das Spannungsverhältnis von Kunst und Politik, von Liebe, Macht und Tod geschrieben. Robin Detje hat sie eindrucksvoll übersetzt. In Sätze, voller Schönheit und Abgründe, in denen Zynismus, Lakonie und Poesie aufeinander fallen. Dafür erhält Robin Detje den Preis der Leipziger Buchmesse des Jahres 2014 in der Kategorie Übersetzung. Herzlichen Glückwunsch.

Der Autor

Robin Detje, geboren 1964 in Lübeck, ist Autor, Übersetzer und Regisseur. Er war Feuilletonredakteur der Zeit und der Berliner Zeitung, anschließend Autor bei der SZ. Seit 2006 arbeitet er kontinuierlich als Übersetzer, unter anderem von Will Self und Denis Johnson. Er lebt in Berlin.

2014 Nominierte

Belletristik

  • Fabian Hischmann: „Am Ende schmeissen wir mit Gold“ (Berlin Verlag)
  • Per Leo: „Flut und Boden: Roman einer Familie“ (Klett-Cotta Verlag)
  • Martin Mosebach: „Das Blutbuchenfest“ (Carl Hanser Verlag)
  • Katja Petrowskaja: „Vielleicht Esther“ (Suhrkamp Verlag)
  • Saša Stanišić: „Vor dem Fest“ (Luchterhand Literaturverlag)

Sachbuch / Essayistik

  • Diedrich Diederichsen: „Über Pop-Musik“ (Verlag Kiepenheuer&Witsch)
  • Jürgen Kaube: „Max Weber: Ein Leben zwischen den Epochen“ (Rowohlt Berlin)
  • Helmut Lethen: „Der Schatten des Fotografen“ (Rowohlt Berlin)
  • Barbara Vinken: „Angezogen: Das Geheimnis der Mode“ (Klett-Cotta Verlag)
  • Willemsen, Roger: „Das Hohe Haus: Ein Jahr im Parlament“ (S. Fischer Verlag)

Übersetzung

  • Paul Berf: „Spielen“, aus dem Norwegischen, von Karl Ove Knausgård (Luchterhand Lieraturverlag)
  • Robin Detje: „Europe Central“, aus dem amerikanischen Englisch, von William T. Vollmann (Suhrkamp Verlag)
  • Ursula Gräfe: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, aus dem Japanischen, von Haruki Murakami (Dumont Buchverlag)
  • Hinrich Schmidt-Henkel: „Jacques der Fatalist und sein Herr“ aus dem Französischen, von Denis Diderot (Verlag Matthes & Seitz Berlin)
  • Ernest Wichner: „Buch des Flüsterns“, aus dem Rumänischen, von Varujan Vosganian (Paul Zsolnay Verlag)

2013 Preisträger

Belletristik

David Wagner, "Leben" (Rowohlt)

Zur Begründung:

Wie hält man sich den Tod vom Leib? David Wagners erfundener Leidensbericht - oder durchlittene Erfindung - stellt diese Frage und führt zugleich eindrucksvoll vor, wie’s geht: mit Witz und Ironie, mit tapferem Trotz und Understatement - und mit Sinn für das Banale, die "kleinen Klinikfreuden", alles, was den Kranken ans Leben bindet, und dazu gehört auch der Speisezettel. Das selbstverständliche Nebeneinander von Leben und Tod, von Leichtsinn und schwerer Not, von Angst und Genuss macht den Krankenhausalltag aus.

Der Autor:

David Wagner, 1971 geboren, veröffentlichte im Jahr 2000 seinen Debütroman Meine nachtblaue Hose. Sein Roman Vier Äpfel stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Walter-Serner-Preis und der Georg-K.-Glaser-Preis. David Wagner lebt in Berlin.

Sachbuch / Essayistik

Helmut Böttiger, "Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb " (Deutsche Verlags-Anstalt )

Zur Begründung:

Nie kapituliert Böttiger vor der Fülle der Anekdoten, um so plastischer treten markante Situationen wie die Kirke-Episode hervor, in der Ingeborg Bachmann 1954 Landser und Avandgardisten am Cap Circeo bei Rom versammelt. In Szenen wie diesen verdichtet sich ein Grundzug dieses vielstimmigen, klug komponierten Buches: Sein Autor erzählt die Geschichte der Neuformierung der Literatur und Erfindung des Literaturbetriebs in Deutschland nach 1945 mit dem Sensorium des Lesers und Kritikers - und mit den Mitteln der Literatur selbst.

Der Autor:

Helmut Böttiger, geboren 1956, ist einer der renommiertesten Literaturkritiker des Landes. Nach Studium und Promotion war er als Literaturredakteur unter anderem bei der Frankfurter Rundschau tätig. Er lebt als freier Autor und Kritiker in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (Szolnay 2004) und Celan am Meer (mare 2006). 2012 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Übersetzung

Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Hesse Ezra pound: "Die Cantos" (Arche Literatur Verlag)

Zur Begründung:

Mit der großen zweisprachigen Ausgabe der "Cantos" im Arche-Verlag liegt nun ihr lebenslängliches Work in Progress, ihr großes Übersetzungs-, Vermittlungs- und Erklärungswerk in Sachen Ezra Pound vollständig und gerundet vor. Für diese besondere Leistung, die das Zeug zur Legende besitzt, erhält Eva Hesse den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Übersetzung.

Die Übersetzerin:

Eva Hesse, 1925 in Berlin geboren, hat seit den frühen 50er-Jahren Werke einer Reihe von Dichtern der englischsprachigen Moderne herausgegeben und übersetzt, unter anderem E.E. Cummings, T.S. Eliot und Samuel Beckett. Für diese Arbeiten erhielt sie unter anderem den Übersetzerpreis der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt (1968) und 2012 den Paul Scheerbart-Preis (Übersetzerpreis der Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Stiftung).

2013 Nominierte

Belletristik

  • Ralph Dohrmann: „Kronhardt“ (Ullstein Verlag)
  • Lisa Kränzler: „Nachhinein“ (Verbrecher Verlag)
  • Birk Meinhardt: „Brüder und Schwestern“ (Carl Hanser Verlag)
  • David Wagner: „Leben“ (Rowohlt)
  • Anna Weidenholzer: „Der Winter tut den FIschen gut“ (Residenz Verlag)

Sachbuch / Essayistik

  • GÖtz Aly: „Die Belasteten. Euthanasie 1939-1945“ (S. Fischer)
  • Kurt Bayertz: „Der aufrechte Gang“ (C. H. Beck)
  • Hans Belting: „Faces. Kulturgeschichte des Gesichts“ (C. H. Beck)
  • Helmut Böttiger: „Die Gruppe 47“ (DVA)
  • Wolfgang Streeck: „Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“ (Suhrkamp Verlag)

Übersetzung

  • Eva Hesse: „Die Cantos“, aus dem Englischen von Ezra Pound (Arche Verlag)
  • Maralde Meyer-Minnemann: „Der Archipel der Schlaflosigkeit“, aus dem Portugiesischen von António Lobo (Luchterhand Literaturverlag)
  • Alexander Nitzberg: „Meister und Margarita“, aus dem Russischen, von Michail Bulgakow (Galiani Berlin)
  • Claudia Ott: „101 Nacht“ aus dem Arabischen, nach der Handschrift des Aga Khan Museums (Manesse Verlag)
  • Andreas Tretner: „Briefsteller“, aus dem Russischen, von Michail Schischkin (Deutsche Verlags-Anstalt DVA)

2012 Preisträger

Belletristik

Wolfgang Herrndorf, "Sand" (Rowohlt Berlin Verlag)

Zur Begründung:

Es gibt bestimmt Romane, deren Handlung sich leichter zusammenfassen lässt als die von Wolfgang Herrndorfs SAND. Sicher ist folgendes: Die Geschichte spielt Anfang der 70er Jahre, sie spielt in Afrika, in brüllender Hitze, und in ihrem Zentrum steht ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Nicht einmal seinen Namen weiß er noch - als ihn jemand Carl nennt, ist er einverstanden. Carl, den wir blutüberströmt und mit einer Kopfverletzung kennenlernen, wird von mysteriösen Gestalten verfolgt, die er nicht kennt. Er wird gefoltert und weiß nicht, warum. Man will irgendetwas von ihm, aber er weiß nicht, was. Um sein Leben zu retten, verspricht er, es zu besorgen, was auch immer es ist - und von da ab kommt es eigentlich immer nur noch schlimmer. Er gerät von einer ausweglosen Situation in die nächste, was immer er auch beginnt, endet in einer Sackgasse. Eine geheimnisvolle blonde Frau namens Helen spielt womöglich ein falsches Spiel mit ihm. Dubiose Polizisten tauchen auf und verschwinden wieder. Das Buch liest sich spannend wie ein Agenten-Thriller. Nie lässt sich vorhersagen, wie die Handlung hinter der nächsten Kurve weitergehen wird, wer oder was dem Helden als nächstes übel mitspielen wird. Im Grunde handelt SAND von der Sinnlosigkeit jeglichen Tuns und von Vergeblichkeit. Es kommt ja eh immer anders, als man denkt.

Was diesen Roman so einzigartig macht, ist, mit welcher Leichtigkeit, welcher Eleganz im Ton und welchem Sinn für Komik auch Wolfgang Herrndorf diese absolute Alptraumszenerie erzählt. Man folgt diesem Erzähler gerne und in blindem Vertrauen in die abstrusesten Situationen. Lässt sich von ihm auf verwirrende, immer aber schillernde Abwege führen. Tappt mit seinem Helden zusammen im Dunkel von dessen Identität und brennt darauf, alle Puzzleteile endlich zusammenzufügen, von denen lange nicht klar ist, ob und wie sie sich zusammenfügen lassen. Was das Vergnügen umso größer macht, wenn sie es letztlich tun. Und ist bei all diesem Irrsinn und den Turbulenzen beim Lesen allerbestens unterhalten.

Im vergangenen Jahr war hier schon ein Roman von Wolfgang Herrndorf nominiert: TSCHICK. Nun zu behaupten, dieses neue Buch sei erwachsener, wäre zu einfach - und es wäre auch falsch. Es ist ein vollkommen anderes, andersartiges Werk - und das zeigt eben auch, was für ein großer Erzähler dieser Autor ist.

Wir freuen uns sehr, dass Wolfgang Herrndorf für SAND dieses Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewinnt.

Der Autor:

Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, hat Malerei studiert und unter anderem für das Satiremagazin Titanic gezeichnet. 2002 erschien sein Debütroman In Plüschgewittern, 2007 der Erzählband Diesseits des Van-Allen-Gürtels und 2010 der Roman Tschick, der zum Überraschungserfolg wurde und mittlerweile in 12 Sprachen vorliegt. Wolfgang Herrndorf wurde mit dem Deutschen Erzählerpreis 2008, dem Brentano-Preis 2011 und dem Hans-Fallada-Preis 2012 ausgezeichnet.

Sachbuch / Essayistik

Jörg Baberowski, "Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt" (Verlag C. H. Beck)

Zur Begründung:

"Verbrannte Erde" ist ein Buch, das den Leser von Anfang an in den Bann schlägt und nicht wieder loslässt. Es zwingt ihn, gleichermaßen durch Präzision der Argumente wie durch die Kraft der sprachlichen Vergegenwärtigung, auf eine Fahrt durch alle Kreise der Hölle. Und es erspart ihm nicht, genauer hinzusehen, den Tätern wie den Opfern ins Gesicht zu schauen. Hier handeln nicht Großmächte oder Begriffsgespenster - nicht der Kommunismus, nicht die Moderne, kein Eindeutigkeitswahn -, sondern Menschen. Das macht die Lektüre, sofern man nicht völlig abgestumpft ist, zu einer

bedrückenden Erfahrung, zu einem kurzen Lehrgang in Trostlosigkeit. Aber das ist der Preis, der für historische Erkenntnis zu zahlen ist. Jörg Baberowski, der an der Humboldt-Universität lehrt, widersteht der Versuchung, die Gewalt zu rationalisieren, ihr Gründe unterzuschieben. Aus der Verbindung von Quellennähe und kluger Kritik tradierter Deutungen gewinnt seine Darstellung ihre Wucht. Wenn in den kommenden Jahren einer fragt: Was war das, der Stalinismus, dann wird man zum Regal gehen und ihm dieses Buch geben: Nimm und lies!

Der Autor:

Jörg Baberowski, geboren 1961, studierte Geschichte und Philosophie und ist seit 2002 Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist der führende Stalinismus-Forscher im deutschsprachigen Raum und veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze zur russischen und sowjetischen Geschichte. 2003 erschien Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. Seit Oktober 2007 ist Jörg Baberowski Sprecher des Sonderforschungsbereiches "Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel".

Übersetzung

Aus dem Ungarischen von Christina Viragh Péter Nádas: "Parallelgeschichten" (Rowohlt Verlag)

Zur Begründung:

"Wir werden geboren, quälen uns ab, dann sterben wir. C’est tout." Das sagt eine Figur in Peter Nadas' "Parallelgeschichten". Es ist auch ein bisschen das Fazit dieses großen Romans, den wir, indem wir Christina Viragh den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Übersetzung verleihen, ja auch mit auszeichnen. Womit zugleich ein hermeneutisches Problem angesprochen ist, das die Arbeit der Jury in der Übersetzersparte prägt und manchmal auch quält. Wir finden Peter Nadas' Roman großartig, können das aber nur finden, weil Christina Viragh ihn in großartiges Deutsch übersetzt hat. Das befinden wir aber ausschließlich auf der Basis des Ergebnisses - ihrer deutschen Fassung. Ein vertracktes Problem, das einen schnell zu dem Schluss führen könnte, die Arbeit der Übersetzerjury sei ohnehin unmöglich. Ja, das ist sie! Überdies, weil wir es hier nicht mit einer Übersetzung aus einer klassischen westeuropäischen Kultursprache zu tun haben, wo wir irgendwie noch mithalten können, sondern mit Ungarisch. Einer Sprache, so fremd, dass sogar Restaurant nicht Restaurant heißt!

Diese Auszeichnung würdigt eine Leistung, die nicht zu trennen ist von den Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt. Da ist die schiere Länge des Romans: über 1.700 Seiten in der deutschen Ausgabe. Ein nicht gerade herzerwärmendes Buch, an dessen Lektüre man sich immer wieder nur mit Herzklopfen macht. Wie muss es erst der Übersetzerin gegangen sein, die ja noch viel tiefer eindringt als der Leser, bis ins schwarze Herz der Sprache! Dann die Ausgangssprache in ihrer synthetischen Struktur, die mehr Bedeutungselemente in das einzelne Wort hinein drängt als im Deutschen. In dieser Sprache schreibt Peter Nadas gewissermaßen eine synthetische Literatur. Bei ihm ist immer alles gleichzeitig da, das Vergangene und das Gegenwärtige, das Ausgesprochene und das Verschwiegene. Dass sich die "Parallelgeschichten" im Deutschen so dicht und elegant zugleich lesen, dass sich der Reichtum der Register, vom vulgären bis zum philosophischen Ton, erhalten hat, ja dass jede Person ihren eigenen Klang erhält in diesem grandiosen Sprachorchester - kurz, dass sich die "Parallelgeschichten" im Deutschen so lesen, wie man vermuten muss, dass sie im Ungarischen gewirkt haben: Das ist das Höchste, was man als Übersetzer erreichen kann. Dass sie das erreichen konnte, hat möglicherweise damit zu tun, dass Christina Viragh nicht nur in Ungarn geboren ist, sondern auch noch eine deutschsprachige Schriftstellerin. Die deutsche Leserschaft ist ihr zu tiefem Dank verpflichtet.

Die Übersetzerin:

Christina Viragh wurde 1953 in Budapest geboren. 1960 emigrierte sie mit ihrer Familie in die Schweiz, heute lebt sie als Schriftstellerin und Übersetzerin in Rom. Sie übersetzte neben Werken von Péter Nádas und vielen anderen Autoren auch Sándor Márai, Imre Kertész und Henri Alain-Fournier. Ihr eigenes Werk umfasst mittlerweile fünf Romane, zuletzt erschien Im April (2006). Im Jahre 2003 wurde Christina Viragh mit dem Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet, 2009 erhielt sie das Zuger Übersetzer-Stipendium.

2012 Nominierte

Belletristik

  • Anna Katharina Hahn: „Am Schwarzen Berg“ (Suhrkamp)
  • Thomas von Steinaecker: „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ (S. Fischer Verlag)
  • Sherko Fatah: „Ein weißes Land“ (Luchterhand Literaturverlag)
  • Wolfgang Herrndorf: „Sand“ (Rowohlt Berlin)
  • Jens Sparschuh: „Im Kasten“ (Kiepenheuer & Witsch)

Sachbuch / Essayistik

  • Jörg Baberowski: „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ (C.H. Beck)
  • Carolin Emcke: „Wie wir begehren“ (S. Fischer Verlag)
  • Manfred Geier: „Aufklärung. Das europäische Projekt“ (Rowohlt)
  • Lothar Müller: „Weiße Magie. Die Epoche des Papiers“ (Carl Hanser Verlag)
  • Wilfried F. Schoeller: „Alfred Döblin. Eine Biographie“ (Carl Hanser Verlag)

Übersetzung

  • Hans Pleschinski: „Nie war es herrlicher zu leben: Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ 1718 - 1784“, aus dem Französischen (C.H. Beck)
  • Nikolaus Stingl: „Der Tunnel“, aus dem Englischen, von William H. Gass (Rowohlt Verlag)
  • Christina Viragh: „Parallelgeschichten“, aus dem Ungarischen, von Péter Nádas (Rowohlt Verlag)
  • Caroline Vollmann: „Mademoiselle de Maupin“ aus dem Französischen, von Théophile Gautier (Manesse Verlag)
  • Thomas Frahm: „Feuerköpfe“, aus dem Bulgarischen, von Vladimir Zarev (Deuticke Verlag)

2011 Preisträger

Belletristik

Clemens J. Setz, "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" (Suhrkamp Verlag)

Zur Begründung:

Der Preis der Leipziger Buchmesse geht an Clemens J. Setz’ Erzählband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“. Den Ausschlag gaben die Kühnheit der Konstruktion, die Eigenwilligkeit der Sprache und die Konsequenz des Konzepts, das zu gleichermaßen originellen wie unheimlichen Geschichten führte. Sie machen mit einem ernüchternden Menschenbild ernst, das wir wissenschaftlich längst akzeptiert haben, aber kulturell bislang erfolgreich überspielen. Das Erzählpersonal setzt sich aus Eltern zusammen, die mit ihren Kindern nichts anfangen können, aus Paaren, die ihre Verfallszeit längst überschritten haben, aus Einzelgängern, Außenseitern und rituellen Opfern, die sich das Selbstmitleid nicht mehr leisten, zum Selbstmord nicht in der Lage sind und am Nullpunkt des sinnvollen Lebens dahinvegetieren. Bei Setz hat die Einbildungskraft das Schlimmste immer schon vorweggenommen, seine Figuren immunisieren sich gegen den Schmerz und lagern ihr natürliches Empathie-Vermögen in animistische Dingbeschwörungen aus. In dieser moralfreien, von Illusionen desinfizierten Welt wird der Sadismus zum letzten Kanal des Transzendenzbegehrens.

In seiner bewusst artifiziellen, hochverspiegelten Prosa porträtiert sich der Autor als Exorzist einer aus den Fugen geratenen Phantasie, als moderner Schamane in Blaubarts letzter Kammer, der im fahlen Flimmern der Medialität die Schmutzarbeit des Zuendedenkens für uns erledigt. Sein Personal teilt sich in jene, die sich aus dem Dekorum der Humanität lustvoll herauswinden, um alle Hemmungen fallen zu lassen, und andere, die sich in die Einsamkeit des reinen Beobachters retten. Im Verbund mit diesen Ortlosen gelingen ihm die stärksten Effekte. In Erzählungen wie „Das Riesenrad“ und „Kleine braune Tiere“ skizziert er eine Menschheit im Wartezustand, ohne Leitbilder und Ideale, losgelöste Astronauten im Raumschiff Erde, auf der Abschussrampe, aber ohne Ziel. Der Preis würdigt ein düsteres, mit Überraschungen aufwartendes Prosalabor, in dem ein junger Autor sich traut, mit den Mitteln der Sprache Va-banque zu spielen.

Der Autor:

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren. Er studierte Mathematik und Germanistik in Graz. Sein literarisches Debüt erfolgte mit dem Roman Söhne und Planeten (Residenz 2007). Clemens Setz erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. den Ernst-Willner-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 2008. Sein zweiter Roman Die Frequenzen (Residenz 2009) wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert und mit dem Literaturpreis der Stadt Bremen 2010 ausgezeichnet.

Sachbuch / Essayistik

Henning Ritter, "Notizhefte" (Berlin Verlag)

Zur Begründung:

Henning Ritters „Notizhefte“ sind ein ungewöhnliches Buch, nicht nur weil es Gelehrsamkeit auf eine leichte Art präsentiert, anmutig, freundlich, nie grimmig, sondern in der Form des Aphorismus, der Reflexion, des Kurzessays, der kritischen Bemerkung. Sprache und Bildung werden hier virtuos gehandhabt. Die „Notizhefte“ erlauben es dem Leser, den Autor beim Gespräch mit dessen Vertrauten aus der Geistesgeschichte zu belauschen. Er erwischt sie in dem Augenblick, da sie sich unbeobachtet glauben und ihre Leidenschaften unverstellt äußern. Es sind dies - und das erhöht das Vergnügen in diesem Fall - Leidenschaften des Denkens und des Formulierens.

Dem Leser erschließen Ritters Notizen Ideengeschichte seit der Französischen Revolution; sie führen ihn auf Trampelpfade, Schleichwege und rasch stellt er, stellt sie fest, dass er mit Ritter rascher vorankommt als mit mancher Monographie, die ihn auf Avenuen locken will. Hier geht es nicht ums Gepränge, sondern ums Unerledigte. Ritter nutzt die Motive alteuropäischen Denkens für die Selbstverständigung über die „Berliner Republik“. Das Buch beginnt mit einer Frage: „Was wiegt schwerer, moralisches oder intellektuelles Versagen?“ Nach der Lektüre dieses Buches weiß man, dass es unmoralisch ist, sich intellektuell keine Mühe zu geben, sich mit Vorgestanztem zu bescheiden. Gut, dass es dieses Buch gibt - es lädt dazu ein, durch schöne Anstrengung und intensive Plaudereien mit sich selbst bekannt zu werden.

Der Autor:

Henning Ritter, 1943 in Seiffersdorf (Schlesien) geboren, war von 1985 bis 2008 in der F.A.Z. verantwortlich für das Ressort "Geisteswissenschaften". Es liegen zahlreiche Publikationen von ihm vor, u.a. als Herausgeber von Rousseaus Schriften und Montesquieus Meine Gedanken - Aufzeichnungen; zuletzt veröffentlichte er Die Eroberer. Denker des 20. Jahrhunderts (C.H. Beck 2008). Henning Ritter wurde im Jahr 2000 die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg verliehen, 2005 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis.

Übersetzung

Aus dem Russischen von Barbara Conrad: Lew Tolstoi, "Krieg und Frieden" (Carl Hanser Verlag)

Zur Begründung:

"Geduld und Zeit" brauchte Kutusow, nach Tolstois Worten, um Napoleon zu schlagen. Geduld und Zeit hat auch Barbara Conrad gebraucht. Ihre Neuübersetzung von "Krieg und Frieden" ist eine enorme Leistung an Energie und Ausdauer. Sie ist überdies ein Meisterwerk der Sprachkunst und übertrifft, nach Meinung der Jury, alle ihre Vorgänger. Wo diese gern Passagen kürzten, lange Satzperioden aufteilten, das Französische eindeutschten, immer nach der schönsten Entsprechung suchten, bleibt Barbara Conrad ganz nah beim Geist des Originals. Das Ergebnis ist kein geglätteter, polierter Tolstoi, sondern ein Rohdiamant, wie ihn der Schriftsteller selbst herstellen wollte, jenseits aller künstlichen Eleganz. Es ist Tolstoi in all seiner „Knorrigkeit“, wie sie von den Zeitgenossen etwas verwundert konstatiert wurde. Barbara Conrads Tolstoi ist kein Konsumgut geworden, er bleibt eine Herausforderung, die Lektüre eine Ozeanüberquerung, Flauten und Stürme inbegriffen, keine schnelle, lustige Flussfahrt. "Tolstois Prosa hält Schritt mit unserem Puls", hat Nabokov einmal gesagt. Jetzt können auch wir deutschen Leser nachvollziehen, was er gemeint hat. Dafür erhält Barbara Conrad den Preis der Leipziger Buchmesse für Übersetzung.

Die Übersetzerin:

Barbara Conrad wurde 1937 in Heidelberg geboren. Nach einer Bibliothekarsausbildung studierte sie Slawistik, Anglistik und Germanistik. 1971 promovierte sie mit der Arbeit I.F. Annenskijs poetische Reflexionen. Danach arbeitete Barbara Conrad bis 1982 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Assistentin am Slawistischen Institut der Universität Heidelberg und hatte Lehraufträge in Kassel. Seither ist sie freiberuflich als Übersetzerin (u.a. Tschechow, Tolstoi, Pasternak) und Herausgeberin tätig.

2011 Nominierte

Belletristik

  • Anna Katharina Fröhlich: "Kream Korner" (Berlin Verlag)
  • Arno Geiger: "Der alte König in seinem Exil" (Carl Hanser Verlag)
  • Wolfgang Herrndorf: "Tschick" (Rowohlt Berlin Verlag)
  • Clemens J. Setz: "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" (Suhrkamp Verlag)
  • Peter Stamm: "Seerücken" (S. Fischer Verlag)

Sachbuch / Essayistik

  • Patrick Bahners: "Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift" (C.H. Beck)
  • Andrea Böhm: "Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo" (Pantheon Verlag)
  • Karen Duve: "Anständig essen. Ein Selbstversuch" (Galiani Verlag Berlin)
  • Marie Luise Knott: "Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt" (Matthes & Seitz Berlin)
  • Henning Ritter: "Notizhefte" (Berlin Verlag)

Übersetzung

  • Barbara Conrad: "Krieg und Frieden", aus dem Russischen neu übersetzt und kommentiert, von Lew Tolstoi (Carl Hanser Verlag)
  • Ralph Dutli: "Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters", aus dem Altfranzösischen, Autor anonym (Wallstein Verlag)
  • Maralde Meyer-Minnemann: "Mein Name ist Legion", aus dem Portugiesischen, von António Lobo Antunes (Luchterhand Verlag)
  • Terézia Mora: "Ein Produktionsroman (zwei Produktionsromane)" aus dem Ungarischen, von Péter Esterházy (Berlin Verlag)
  • Dagmar Ploetz: "Unter dieser furchterregenden Sonne", aus dem argentinischen Spanisch, von Carlos Busqued (Antje Kunstmann Verlag)

2010 Preisträger

Belletristik

Georg Klein, Roman unserer Kindheit (Rowohlt Verlag)

Zur Begründung:

Überbordend poetisch wird hier ein Zeitpanorama entfaltet, das die Unterwelt der großen, bösen Erzählungen der alten Männer mit den leuchtenden Farben des Sechziger-Jahre-Sommers verbindet. Kinder standen noch nicht unter Dauerobservanz, ihre Phantasien konnten, wenn man so will - und der Roman will es so - noch in aller Ruhe wuchern. Georg Kleins "Roman unserer Kindheit" ist das Ergebnis des Wucherns von Angst und von Lust, von Freiheit und Abenteuer, vom Kampf gegen das Böse - und nebenbei, ganz leise, wird in diesem surrealistisch überbordenden virtuosen Kinderschauerroman für Erwachsene, den Müttern und nie geborenen Schwestern ein Denkmal gesetzt.

Der Autor:

Georg Klein wurde 1953 in Augsburg geboren, veröffentlichte die Romane Libidissi (Alexander Fest Verlag 1998), Barbar Rosa (Alexander Fest Verlag 2001) und Die Sonne scheint uns (Rowohlt Verlag 2004) sowie die Erzählungsbände Anrufung des blinden Fisches (Alexander Fest Verlag 1999) und Von den Deutschen (Rowohlt 2002). Für seine Prosa wurden ihm der Brüder-Grimm-Preis und der Bachmann-Preis verliehen. Zuletzt erschien sein Roman Sünde Güte Blitz (Rowohlt 2007). Georg Klein lebt mit seiner Familie in Ostfriesland.

Sachbuch / Essayistik

Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte (Verlag C.H.Beck)

Zur Begründung:

Als der Dichter Stefan George am 4. Dezember 1933 in Minusio verstarb, hinterließ er neben seinen Gedichten, neben Briefen und Manuskripten wenig irdische Habe, aber seinen sogenannten "Staat": Kreise hochbegabter Jünglinge und Frauen, denen die Begegnung mit George in seiner Dichtung als entscheidender Augenblick ihrer Lebens- und Bildungsgeschichte galt. Was aus ihnen nach dem Tod Georges wurde, erzählt Ulrich Raulff in seinem Buch "Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben". Die Jury zeichnet es als ein ebenso lehrreiches wie glänzend geschriebenes, genau rekonstruierendes, scharfsinnig urteilendes, den Leser aufklärendes wie unterhaltendes Werk avancierter Kulturgeschichtsschreibung aus. Raulffs abgründige Geschichte ist vor allem eine Geschichte des Erlöschens, des allmählichen Nachlassens jener übergroßen Präsenz, die der Meister Stefan George in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts besessen hatte.

Der Autor:

Ulrich Raulff, geboren 1950, studierte Philosophie und Geschichte in Marburg, Frankfurt und Paris. Er war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Seit 2004 ist er Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Er hat für seine Arbeiten den Anna-Krüger-Preis für wissenschaftliche Prosa (1996) und den Hans-Reimer-Preis der Aby-Warburg-Stiftung (1997) erhalten. Zuletzt erschienen Wilde Energien.

Vier Versuche zu Aby Warburg (Wallstein Verlag 2003), Briefe aus dem 20. Jahrhundert (Hrsg., Suhrkamp 2005) und Vom Künstlerstaat. Ästhetische und politische Utopien (Hrsg., Hanser, 2006).

Übersetzung

Ulrich Blumenbach für: David Foster Wallace: Unendlicher Spaß, aus dem Amerikanischen (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Zur Begründung:

"Unendlicher Spaß" - das klingt wie die Paradiesvision unserer Epoche, wie die ultimative Glücksutopie für ein Zeitalter, dem das nie endende Vergnügen als einzig noch erstrebenswerter Lebensinhalt gilt. Aber "Infinite Jest", der amerikanische Originaltitel des 1996 erschienenen Romans von David Foster Wallace, zitiert die berühmteste Totengräberszene der Weltliteratur: Shakespeares Hamlet erinnert sich an den Hofnarren Yorick, "a man of infinite jest", als er dessen Totenschädel erblickt. Es ist eine Schreckensvision, die der 1962 geborene und vor eineinhalb Jahren durch Selbstmord verstorbene Autor in diesem monumentalen Meilenstein der amerikanischen Literatur entworfen hat. Die hochaktuelle Schreckensvision von der tödlichen Unterhaltung, der desaströsen Einlösung und gleichzeitigen Abschaffung des amerikanischen Traums vom "pursuit of Happiness". Ein Gesellschaftsroman ist dieses gewaltige Buch, mehr noch: ein zutiefst pessimistischer Weltentwurf. Sechs Jahre hat Ulrich Blumenbach daran gesessen, diese komplexe, absurde, dunkle Welt im Deutschen neu zu erfinden. Sechs Jahre, in denen er sich bis in die feinsten Verästelungen der Psychiatrie, des Drogenkonsums und des Tennis, der Philosphie, Sprachtheorie und Mathematik einlesen musste. Doppel- und Dreifachcodierungen von Figuren und Sprachebenen galt es aufzulösen und umzusetzen. Blumenbach musste mit Stilebenen jonglieren in einer atemberaubenden Virtuosität. Und die entlegensten, vergriffensten Wörterbücher ausfindig machen, aus denen sich Wallace bediente. Er musste Wörter erfinden, die es bislang nicht gab, weil David Foster Wallace diesen Sport ähnlich perfekt beherrschte wie Tennis. Und bei allen technischen, ja wissenschaftlichen Schwierigkeiten dieser Arbeit, bei den enormen sprachschöpferischen Anforderungen, die diese Aufgabe an ihn stellte, ist es Blumenbach auch gelungen, das tiefe Mitleiden, die unendliche Empathie zu transportieren, die David Foster Wallace für seine Figuren empfand.

Der Übersetzer:

Ulrich Blumenbach, geboren 1964 in Hannover, lebt in Basel. Er studierte Anglistik und Germanistik in Münster, Sheffield und Berlin. Seit 1993 übersetzt er Romane und Essays, u. a. von Paul Beatty, Agatha Christie, Kinky Friedman, Stephen Fry, Arthur Miller und Tobias Wolff ins Deutsche. 2009 erhielt er den Ledig-Rowohlt-Preis.

2010 Nominierte

Belletristik

  • Jan Faktor: "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag" (Verlag Kiepenheuer & Witsch)
  • Helene Hegemann: "Axolotl Roadkill" (Ullstein Verlag)
  • Georg Klein: "Roman unserer Kindheit" (Rowohlt Verlag)
  • Lutz Seiler: "Die Zeitwaage" (Suhrkamp Verlag)
  • Anne Weber: "Luft und Liebe" (S. Fischer Verlag)

Sachbuch / Essayistik

  • Michael Hampe: "Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück" (Carl Hanser Verlag)
  • Steffen Martus: "Die Brüder Grimm. Eine Biographie" (Rowohlt Berlin Verlag)
  • Ulrich Raulff: "Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben" (Verlag C.H.Beck)
  • Frank Schirrmacher: "Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen" (Blessing Verlag)
  • Wolfgang Ullrich: "Raffinierte Kunst. Übung vor Reproduktionen" (Verlag Klaus Wagenbach)

Übersetzung

  • Ulrich Blumenbach: "Unendlicher Spaß", aus dem Amerikanischen von Autor David Foster Wallace (Verlag Kiepenheuer & Witsch)
  • Christian Hansen: "2666", aus dem Spanischen von Autor Roberto Bolaño (Carl Hanser Verlag)
  • Grete Osterwald: "Waltenberg", aus dem Französischen von Autor Hédi Kaddour (Eichborn Verlag)
  • Rosemarie Tietze: "Anna Karenina", aus dem Russischen von Autor Lew Tolstoi (Carl Hanser Verlag)
  • Hubert Witt: "Wilner Getto 1941-1944: Gesänge vom Meer des Todes", aus dem Jiddischen von Autor Abraham Sutzkever (Ammann Verlag)

2009 Preisträger

Belletristik

Sibylle Lewitscharoff für "Apostoloff" (Suhrkamp Verlag)

Zur Begründung:

"Apostoloff" ist ein von antiödipalem Furor gepeitschter, von jeglicher Nostalgie bereinigter Anti-Bulgarien und Anti-Familienroman, und zugleich das souveräne, manchmal lüsterne und immer reiche Spiel einer Sprachkünstlerin. Zwischen dem Stadtteil Stuttgart-Degerloch der fünfziger, sechziger Jahre und dem jungen EU-Mitglied Bulgarien entfaltet sich das Panorama einer skurrilen Mischung von Bulgaro-Machismus und schwäbisch-pietistischer Sprachkraft, zwischen der niederschmetternden Bestandsaufnahme der Ruinen des Postkommunismus und den erhebenden Begegnungen mit älteren Schichten der Geschichte, vornehmlich den Engeln und Popen und Kirchen. Denn so ätzend-sprachmächtig in "Apostoloff" auch gegrollt wird, es ist zugleich ein Roman, der das Gespräch findet mit den Engeln der Geschichte.

Der "Preis der Leipziger Buchmesse" wurde in diesem Jahr zum fünften Mal vergeben. Insgesamt reichten die Verlage rund 760 Vorschläge ein. Neben Ulrich Greiner gehörten der Jury an: Ina Hartwig, verantwortliche Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau; Elmar Krekeler, Leiter der Literarischen WELT; Kristina Maidt-Zinke, Feuilleton-Autorin der Süddeutschen Zeitung; Volker Weidermann, Redaktionsleiter Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung; Michael Hametner, Literaturredakteur beim MDR, sowie Uwe Justus Wenzel, Feuilleton-Redakteur der Neuen Zürcher Zeitung.

Die Auszeichnung der besten Frühjahrs-Bücher in den Kategorien "Belletristik", "Sachbuch/Essayistik" und "Übersetzung" ist zu gleichen Teilen mit insgesamt 45.000 Euro dotiert. Unterstützt wird der "Preis der Leipziger Buchmesse" durch den Freistaat Sachsen sowie die Stadt Leipzig. Partner ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB). Medienpartner ist die Wochenzeitschrift DIE ZEIT.

Sachbuch / Essayistik

Herfried Münkler für "Die Deutschen und ihre Mythen" (Rowohlt Berlin Verlag)

Zur Begründung:

Barbarossa, die Nibelungen, Faust und das Faustische, Arminius und die Schlacht im Teutoburger Wald, die Wartburg und der Rhein: Das sind mythische Namen, Orte und Begebenheiten, die in der Geschichte Deutschlands Bedeutsamkeit erlangt und eine politische – nicht selten: eine politisch unheilvolle – Rolle gespielt haben. Der an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrende Politikwissenschaftler und Ideenhistoriker Herfried Münkler lässt sie in seinem umfang- und perspektivreichen Werk "Die Deutschen und ihre Mythen" Revue passieren - in aufklärerischer Absicht, aber in dem Bewusstsein, dass es Politik, die gänzlich ohne Mythen oder Grosserzählungen auskäme, wohl nie geben wird.

Übersetzung

Eike Schönfeld für die Übersetzung von: Saul Bellow: "Humboldts Vermächtnis" (Kiepenheuer & Witsch)

Zur Begründung:

Dieser Roman ist ein todtrauriges, grandios komisches Buch über Literatur, Liebe und Leben, Begierde und Tod. Er ist ein überwältigendes Sprach- und Erzählspiel, eine, wie es Saul Bellow selbst sagte, Komödie des "schwachsinnigen Infernos". Schönfeld, einer der sprachwitzigsten, tonsichersten und fleißigsten Übersetzer aus dem Amerikanischen ins Deutsche, hat sich als idealer Botschafter für dieses Werk erwiesen. Seine kongeniale Übertragung ist genauso "lebendig, ironisch, spöttisch und klug", wie der San Francisco Examiner den Ursprungstext einst charakterisierte.

2009 Nominierte

Belletristik

  • Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten (Carl Hanser Verlag)
  • Reinhard Jirgl: Die Stille (Carl Hanser Verlag)
  • Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten (Rowohlt Verlag)
  • Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff (Suhrkamp Verlag)
  • Andreas Maier: Sanssouci (Suhrkamp Verlag)
  • Julia Schoch: Mit der Geschwindigkeit des Sommers (Piper Verlag)

Sachbuch / Essayistik

  • Matthias Frings: Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau (Aufbau Verlag)
  • Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 (Siedler Verlag)
  • Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen (Rowohlt Berlin Verlag)
  • Jürgen Neffe: Darwin. Das Abenteuer des Lebens (C. Bertelsmann)
  • Karl-Heinz-Ott: Tumult und Grazie. Über Georg Friedrich Händel (Hoffmann und Campe)

Übersetzung

  • Michael Kellner: William S. Burroughs: Naked Lunch (Nagel & Kimche)
  • Esther Kinsky: Olga Tokarczuk: Unrast (Schöffling & Co.
  • Susanne Lange: Miguel de Cervantes: Don Quijote von der Mancha (Carl Hanser Verlag)
  • Hans-Christian Oeser: Maeve Brennan: Der Morgen nach dem großen Feuer (Steidl Verlag)
  • Eike Schönfeld: Saul Bellow: Humboldts Vermächtnis (Kiepenheuer & Witsch)

2008 Preisträger

Belletristik

Clemens Meyer für "Die Nacht, die Lichter" (S. Fischer Verlag)

Ausgezeichnet wird ein Buch, das in bewundernswerter Knappheit und sprachlicher Eleganz menschliche Hoffnungen auslotet, und das vor dem Hintergrund ihrer radikalen Unerfüllbarkeit. "Die Nacht, die Lichter" des Leipziger Schriftstellers Clemens Meyer versammelt 15 "Stories", in denen sich der Stoff von 15 Romanen verbirgt; kreisend um Figuren nicht nur vom Rand der Gesellschaft, aber allesamt im Absturz begriffen, jeder in seiner Einsamkeit getrieben von einer unerklärten Drift zum Scheitern. Todestrieb und Menschenliebe gehen in dieser Prosa ein geheimnisvolles Bündnis ein. Da wäre der fettsüchtige Lehrer, der sich in einer verpönten Liebe zu einem elfjährigen Mädchen verzehrt; der alte Mann, der seine Tiere begräbt, bevor er sich selbst verabschiedet; oder der Ex-Geschäftsmann, der in einem surrealistischen Delirium krepiert: Die gefährliche Poesie des Fatalismus seiner traurigen Helden entschlüsselt der Autor mit wagemutiger Empathie und großer Sanftheit.

Sachbuch / Essayistik

Irina Liebmann für "Wäre es schön? Es wäre schön. Mein Vater Rudolf Herrnstadt" (Berlin Verlag)

Zur Begründung: Die Jury ehrt mit ihrer Entscheidung ein Werk, das auf unglaublich eindringliche Weise Familiengeschichte als Weltgeschichte darzustellen vermag. Irina Liebmanns Buch über ihren Vater Rudolf Herrnstadt ist der fast unglaubliche Lebensbericht eines Mannes, der die Welt neu erfinden wollte. Der, so will es beinahe scheinen, bei allen Kämpfen, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gekämpft wurden, mitgekämpft hat. Der von der Geschichte alles erhoffte und am Ende alles verlor. Der irrte und glaubte, seinen Überzeugungen folgte, auch wenn sie ihn mitunter auf Abwege führte. "Glaubst du wirklich," hat er seine Tochter auf einem Spaziergang kurz vor seinem Tode einmal gefragt, " wenn man zum ersten Mal in der Weltgeschichte alles, alles neu macht, und man hat es nicht gelernt und keine Erfahrungen, glaubst du nicht, dass man erst einmal alles, alles falsch machen wird?" Die Irrtümer und der Glaube, die Schrecken und die Hoffnungen eines ganzen Zeitalters lässt Irina Liebmann mit der Lebensgeschichte ihres Vaters vor unseren Augen auferstehen.

Übersetzung

Fritz Vogelgsang für seine Übertragung und Edition von Joannot Martorells "Roman vom Weißen Ritter Tirant lo Blanc" (S. Fischer Verlag)

Zur Begründung: Ausgezeichnet wird mit dem Preis Vogelgsangs jahrzehntelanger Einsatz für ein Werk, das in der altkatalanischen Sprache des Königreichs Valencia 1490 erschien und nun erstmals vollständig dem deutschsprachigen Leser vorliegt. Das Großepos, das auf 1.600 Seiten die abenteuerliche Reise des weißen Ritters und seinen Kampf für die Befreiung Konstantinopels schildert, bezeichnete Cervantes "als, aufgrund seines Stils, besten Roman der Welt". Vogelgsang hat Martorells Altkatalanisch in eine elegante und mustergültig moderne deutsche Sprachform gebracht. In seinem Text kommt das Farbige, Unterhaltsame, Spannende dieses ersten realistischen Romans perfekt zur Geltung.

2008 Nominierte

Belletristik

  • Jenny Erpenbeck: Heimsuchung (Eichborn Berlin)
  • Sherko Fatah: Das dunkle Schiff (Jung und Jung)
  • Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter (S. Fischer Verlag)
  • Ulrich Peltzer: Teil der Lösung (Ammann Verlag)
  • Feridun Zaimoglu: Liebesbrand (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Sachbuch / Essayistik

  • Bernd Greiner: Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam (Hamburger Edition)
  • Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma (Karl Blessing Verlag)
  • Irina Liebmann: Wäre es schön? Es wäre schön! Mein Vater Rudolf Herrnstadt (Berlin Verlag)
  • Michael Maar: Solus Rex. Die schöne böse Welt des Vladimir Nabokov (Berlin Verlag)
  • Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne (Hamburger Edition)

Übersetzung

  • Elisabeth Edl: Stendhal: Die Kartause von Parma (Carl Hanser Verlag)
  • Frank Heibert: Richard Ford: Die Lage des Landes (Berlin Verlag)
  • Gabriele Leupold: Warlam Schalamow: Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1 (Matthes & Seitz Berlin)
  • Kurt Steinmann: Homer: Die Odyssee (Manesse)
  • Fritz Vogelgsang: Joanot Martorell: Der Roman vom Weißen Ritter
  • Tirant lo Blanc (S. Fischer Verlag)

2007 Preisträger

Belletristik

Ingo Schulze für "Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier" (Berlin Verlag).

Zur Begründung:

In seinem Buch "Handy" gelingt es Ingo Schulze in virtuoser Weise, die klassischen Formen der Kurzgeschichte für die Erfassung der Gegenwart fruchtbar zu machen. In beiläufigem, scheinbar kunstlosem Ton entwirft Schulze Alltagssituationen, die unvermittelt eine existentielle Dimension offenbaren und die gesellschaftlichen Umbrüche unserer Gegenwart sichtbar machen. Dabei führt Schulze den Leser in ein Spiegelkabinett von Fiktion und Realität, in dem die Literatur mitunter das Vorbild für das Leben abzugeben scheint. Die aus der Lakonie des Erzähltons entstehende Komik ist das Gegengewicht zu einer Tragik des menschlichen Daseins, die Schulze auch im vordergründig Unspektakulären sichtbar macht.

"Der Preis der Leipziger Buchmesse" wurde in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben. Insgesamt reichten die Verlage über 700 Vorschläge ein. Zu den Juroren gehören mit Franziska Augstein (Süddeutsche Zeitung), Richard Kämmerlings (FAZ), Ulrich Greiner (Die ZEIT), Sigrid Löffler (LITERATUREN), Uwe Justus Wenzel (NZZ), Michael Hametner (MDR) und Martin Lüdke (SWR) renommierte Fachleute und Literaturkritiker. Die Auszeichnung der besten Frühjahrs-Bücher in den Kategorien "Belletristik", "Sachbuch/Essayistik" und "Übersetzung" ist zu gleichen Teilen mit insgesamt 45.000 Euro dotiert. Unterstützt wird der "Preis der Leipziger Buchmesse" durch den Freistaat Sachsen sowie die Stadt Leipzig. Partner ist das Literarische Colloquium Berlin (LCB).

Sachbuch / Essayistik

Saul Friedländer für "Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945" (Verlag C.H. Beck).

Zur Begründung:

Mit dem zweiten Band seiner Untersuchung "Das Dritte Reich und die Juden" hat Saul Friedländer ein historisches Werk über die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden vollendet, das einzigartig und von herausragendem Rang ist. Das eindringliche Buch rückt die europäische Dimension der Terrorisierung und Ermordung der Juden in den Blick; und es lässt in bisher nicht gekannter Weise die Opfer zu Wort kommen. Deren Stimmen werden anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Erinnerungen vernehmlich.

Friedländers Buch ist nicht nur ein grundlegendes Werk der Geschichtsschreibung. Es zeichnet sich auch durch eine Meisterschaft in der Kunst der Darstellung aus. Wer es liest, wird nicht nur aufgeklärt, sondern auch aufgewühlt.

Übersetzung

Swetlana Geier für die Übersetzung "Ein grüner Junge" von Fjodor Dostojewskij (Ammann Verlag).

Zur Begründung:

Swetlana Geiers Übersetzung der Romane von Dostojewskij hat mit "Ein grüner Junge" einen außerordentlichen Abschluss gefunden. Damit hat sie die fünf großen Romane in neuen Übersetzungen vorgelegt. Die Jury würdigt mit ihrem Preis speziell die Leistung bei "Ein grüner Junge", weil Swetlana Geier durch eine stärkere Betonung der gesprochenen Sprache von Arkadij Dolgorukij die versuchte Autobiographie Dolgorukijs zu einem großartigen Dialog mit dem Leser steigert. Diese Verschiebung von der geschriebenen Autobiographie zur großen, suggestiven Selbstdarstellungsrede führt die Figur nicht nur direkter an den Leser heran, sie nähert sich auch Dostojewskijs eigener Intention. Eine Übersetzung, die jegliche Sprödigkeit von der Sprache abschüttet und Dostojewskij gewissermaßen wie von allein in unsere Sprachwelt hereinholt. - Für diese Leistung von Swetlana Geier vergibt die Jury an sie den Preis der Leipziger Buchmesse.

2007 Nominierte

Belletristik

  • Werner Bräunig (gest. 1976): Rummelplatz (Aufbau Verlag)
  • Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh (Carl Hanser Verlag)
  • Wolfgang Schlüter: Anmut und Gnade (Eichborn/Die Andere Bibliothek)
  • Ingo Schulze: Handy, Dreizehn Geschichten in alter Manier (Berlin Verlag)
  • Antje Rávic Strubel: Kältere Schichten der Luft (S. Fischer Verlag)

Sachbuch / Essayistik

  • Saul Friedländer: Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939-1945 (Verlag C.H. Beck)
  • Josef Haslinger: Phi Phi Island - Ein Bericht (S. Fischer Verlag)
  • Günther Rühle: Theater in Deutschland 1887-1945. Seine Ereignisse – seine Menschen (S. Fischer Verlag)
  • Bernd Stöver: Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947-1991 (Verlag C.H. Beck)
  • Christina von Braun: Stille Post. Eine andere Familiengeschichte (Propyläen Verlag)

Übersetzung

  • Swetlana Geier: Ein grüner Junge (Fjodor Dostojewskij) (Ammann Verlag)
  • Gunhild Kübler: Gedichte (Emily Dickinson) (Carl Hanser Verlag)
  • Rainer G. Schmidt: Clarel. Ein Gedicht und eine Pilgerreise ins Heilige Land (Herman Melville) (Jung und Jung)
  • Hinrich Schmidt-Henkel: Ravel (Jean Echenoz) (Berlin Verlag)
  • Andreas Tretner: Das heilige Buch der Werwölfe (Victor Pelewin) (Luchterhand Literaturverlag)

2006 Preisträger

Belletristik

Ilija Trojanow für "Der Weltensammler" (Hanser)

Zur Begründung:

Ilija Trojanows Roman über den britischen Spion, Diplomaten und Entdeckungsreisenden Richard Francis Burton ist eine ebenso spannende wie tiefgründige Annäherung an eine der schillerndsten Gestalten des neunzehnten Jahrhunderts. Mit orientalisch-sinnlicher Fabulierlust und großer Anschaulichkeit erzählt der Roman vom Reiz und vom Abenteuer des Fremden und spiegelt so in einer faszinierenden historischen Gestalt die drängenden Fragen unserer Gegenwart.

Sachbuch / Essayistik

Franz Schuh für "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" (Zsolnay)

Zur Begründung:

Der Essayist Franz Schuh erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2006 für seine Sammlung von Texten, die alle Bereiche der menschlichen Existenz durchleuchten und oft in äußerst verknappter Form Reflexionen über Liebe, Glück und Vergeblichkeit alles menschlichen Strebens in verblüffende Zusammenhänge stellt. Die unterschiedlichen Formen seines philosophischen Nachdenkens machen die Texte zu sprachlichen Kostbarkeiten, die eine große Linie dieses Genres von Kafka bis Polgar in das 21. Jahrhundert hinüberretten.

Übersetzung

Ragni Maria Gschwend für die Übersetzung von Antonio Moresco, "Aufbrüche" (Ammann)

Zur Begründung:

Die Jury gibt den Preis für Übersetzung an Ragni Maria Gschwend, weil es ihr gelungen ist, die vertrackte Bilderwelt des italienischen Romanciers Antonio Moresco in einen visionären Kosmos zu übertragen, der im Deutschen seine eigene Traumlogik bewahrt. Die besondere Leistung der Übersetzerin bestand in diesem Fall nicht nur darin, den Assoziationsraum und das Echo der Sprache auszuloten, sondern den ganz eigenen Wortkosmos des Autors, die Neologismen und Worterfindungen in ein Deutsch zu übertragen, das seine Sogkraft auf keiner der 650 Seiten verliert.

2006 Nominierte

Belletristik

  • Judith Kuckart, "Kaiserstraße" (DuMont)
  • Thomas Lang, "Am Seil" (C.H. Beck)
  • Paul Ingendaay, "Warum du mich verlassen hast" (SchirmerGraf)
  • Clemens Meyer, "Als wir träumten" (S. Fischer)
  • Ilija Trojanow, "Der Weltensammler" (Hanser)

Sachbuch / Essayistik

  • Peter von Matt, "Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist" (Hanser)
  • Wolfgang Pehnt, "Deutsche Architektur seit 1900" (DVA)
  • Jan Assmann, "Die Zauberflöte. Oper und Mysterium" (Hanser)
  • Franz Schuh, "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" (Zsolnay)
  • Friedrich Wilhelm Graf, "Moses Vermächtnis. Über göttliche und menschliche Gesetze" (C.H. Beck)

Übersetzung

  • Peter Urban für die Übersetzung von Venedikt Erofeev, "Moskau - Petuški" (Kein & Aber)
  • Thomas Melle für die Übersetzung von William T. Vollmann, "Huren für Gloria" (Suhrkamp)
  • Agnes Relle für die Übersetzung von Attila Bartis, "Die Ruhe" (Suhrkamp)
  • Ragni Maria Gschwend für die Übersetzung von Antonio Moresco, "Aufbrüche" (Ammann)
  • Inés Koebel für die Übersetzung von Fernando Pessoa, "Ricardo Reis. Poesie" (Ammann)

2005 Preisträger

Belletristik

Terézia Mora für "Alle Tage" (Luchterhand)

Zur Begründung:

Alle Tage ist ein vielstimmiges Prosaepos, eine Art zeitgenössische Heiligenlegende vor dem Hintergrund des jugoslawischen Bürgerkrieges und ein kühner Entwurf über die Scham im falschen Moment auf der Welt zu sein.

Sachbuch / Essayistik

Rüdiger Safranski für "Schiller oder Die Erfindung des deutschen Idealismus" (Hanser)

Zur Begründung:

Safranskis Schillerbild spiegelt den Dichter und sein Werk im Gesamtbild seiner Epoche. Er verbindet philosophische Prägnanz mit essayistischer Leichtigkeit in anschaulicher Prosa.

Übersetzung

Thomas Eichhorn für seine Übersetzung von Les Murray "Fredy Neptune" (Ammann)

Zur Begründung:

Thomas Eichhorn hat das humoristisch – sinistre Versgedicht des australischen Lyrikers in eine freie Strophenform übertragen, die der rhythmischen Vielfalt dieses Textes und seiner Herkunft aus dem mündlichen Erzählen virtuos Weise gerecht wird.

2005 Nominierte

Belletristik

  • Jan Faktor: "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag" (Verlag Kiepenheuer & Witsch)
  • Helene Hegemann: "Axolotl Roadkill" (Ullstein Verlag)
  • Georg Klein: "Roman unserer Kindheit" (Rowohlt Verlag)
  • Lutz Seiler: "Die Zeitwaage" (Suhrkamp Verlag)
  • Anne Weber: "Luft und Liebe" (S. Fischer Verlag)

Sachbuch / Essayistik

  • Götz Aly, "Hitlers Volksstaat" (S. Fischer)
  • Kurt Flasch, "Eva und Adam" (C. H. Beck)
  • Michael Hagner, "Geniale Gehirne" (Wallstein)
  • Jürgen Manthey, "Königsberg" (Hanser)
  • Rüdiger Safranski, "Schiller oder Die Erfindung des deutschen Idealismus" (Hanser)

Übersetzung

  • Christoph Hein, "In seiner frühen Kindheit ein Garten" (Suhrkamp)
  • Eva Menasse, "Vienna!” (Kiepenheuer & Witsch)
  • Terézia Mora, "Alle Tage” (Luchterhand)
  • Karl-Heinz Ott, "Endlich Stille" (Hoffmann und Campe)
  • Uwe Tellkamp, "Der Eisvogel” (rowohlt Berlin)