BELLETRISTIK

© Andreas Labes

Katerina Poladjan: "Zukunftsmusik" (S. Fischer Verlag)

Über das Buch

ZUKUNFTSMUSIK erzählt elegant von vier Generationen von Frauen, die in der sibirischen Weite, tausende Werst östlich von Moskau in einer Komunnalka auf engstem Raum zusammenleben: Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin unter dem bröckelnden Putz einer vergangenen Zeit. Es ist der 11. März 1985, Beginn einer Zeitenwende, von der noch niemand etwas ahnt. Alle gehen ihrem Alltag nach; Warwara hilft einem Kind auf die Welt, Maria träumt von der Liebe, Janka will am Abend in der Küche ein Konzert geben, der Ingenieur Matwej von nebenan versucht, sein Leben in Kästchen zu sortieren.

Zur Begründung der Jury

Katerina Poladjans kammerspielartiger Roman kommt leicht daher, entwirft aber äußerst geistreich in der Kulisse russischer Weltliteratur kluge Psychogramme und die humorvolle und scharfsinnige Analyse einer Zeitenwende.

Über die Autorin

Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren und lebt heute in Berlin. Sie schreibt Theatertexte und Essays. Auf ihr Prosadebüt IN EINER NACHT, WOANDERS (Rowohlt, 2011) folgte 2015 VIELLEICHT MARSEILLE und der gemeinsam mit Henning Fritsch verfasste literarische Reisebericht HINTER SIBIRIEN (letztere bei Rowohlt Berlin). 2019 erschien HIER SIND LÖWEN (S. Fischer), für den sie 2021 den Nelly-Sachs-Preis erhielt.

Leseprobe

Tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau ragte das Skelett einer Radarstation in den Nachthimmel, schwach beleuchtet von den Lampen der Glühbirnenfabrik, die immer brannten. Der März war mild, die Temperatur lag knapp unter null, und den sandigen Boden der Brache bedeckte schmutziger Schnee. Schnee schimmerte auch auf der Böschung, wo das Flussufer steil abfiel, an den Rundhorizont dahinter waren blasse Sterne projiziert, was hübsch aussah, und unten, das wusste Janka, nahm teerschwarz und träge der Strom alles mit sich, auch die Zeit. Janka setzte sich auf einen Baumstumpf, zog den Reißverschluss ihres Parkas hoch und zündete sich eine Zigarette an. Ihre Hand roch sauer nach Metall.
Zur Mitte der Nachtschicht war der Vorarbeiter vor die Belegschaft getreten, er hatte ein Transistorradio in die Höhe gehalten, aus dem Chopins Trauermarsch schepperte. Ihr wisst, was das bedeutet, hatte er gerufen und verkündet, das sei kein Grund zu verzagen, mehr denn je brauche die Sowjetunion jetzt Licht.
Noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang. Janka warf die Zigarette weg und sah zu, wie sie im kalten Sand verglühte.