ÜBERSETZUNG

Portraitfotografie von Lisa Palmes
© Suhrkamp Verlag
Cover des Buchtitels "bitternis"

Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Joanna Bator: Bitternis (Suhrkamp Verlag)

Über das Buch

Joanna Bator erzählt mit „Bitternis“ eine deutsch-polnische Familiengeschichte, die mit dem Jahr 1938 einsetzt und bis in die Gegenwart reicht. Beleuchtet wird das mehrgenerationale Drama von vier Frauen, die neben ihren Geheimnissen auch ihren Zorn weitergeben. Erzählt wird die Geschichte von Kalina Serce, die in der früheren Pension Glück in Neuschlesien durch die Berührung eines Lichtschalters mit der düsteren Vergangenheit ihrer Familie in Kontakt tritt. Dort trifft sie u. a. auf ihre Urgroßmutter Berta, die gemeinsam mit ihrem Geliebten von einer Flucht nach Prag träumt, was von ihrem Vater verhindert wird. Kalina fordert zurück, was ihren Vorfahrinnen verweigert wurde.

Zur Begründung der Jury

Vier Generationen von Frauen in Polen, die dafür, dass sie Urahnin, Großmutter, Mutter und Tochter sind, erstaunlich wenig voneinander wissen. Die Verschiedenheit ihrer Leben vermittelt Joanna Bator durch die unterschiedliche sprachliche Textur der ihnen gewidmeten Kapitel. Es ist Lisa Palmes zu verdanken, dass dies auch im Deutschen mit allen Sinnen spürbar wird. Gerüche, die Stofflichkeit der jeweiligen Epoche, die Erfahrung von Gewalt in einer Männerwelt werden so sprachlich erfahrbar.

Über die Autorin

Lisa Palmes, geboren 1975 in Münster, studierte u. a. Polonistik und Germanistische Linguistik an der HU Berlin und in Warschau. Seit 2008 ist Palmes als freiberufliche Übersetzerin polnischer Literatur tätig. Von 2012 bis 2017 arbeitete sie gemeinsam mit der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund in Berlin und dem Trialog e. V. als Kulturvermittlerin und Organisatorin von Gesprächsreihen mit polnischen Schriftsteller:innen. Palmes übersetzt u. a. die Bücher von Zyta Rudzka, Olga Tokarczuk, Joanna Bator und Filip Springer. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Perewest-Stipendium 2015 für Joanna Bators »Dunkel, fast Nacht« (Suhrkamp, 2016), dem Karl-Dedecius-Preis für deutsche Übersetzer polnischer Literatur 2017 und dem Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds 2018 für Olga Tokarczuks »Die Jakobsbücher« (Kampa, 2019).

Leseprobe

Um elfe kommen die Wölfe, um zwölfe bricht das Gewölbe!, sprach sie Magda Tabach vor, der Tochter der Dienstmagd Trudi, ihrer Milchschwester, und als Magda die Zeilen auswendig konnte, sagten sie sie gemeinsam auf, als Beschwörung und zur Bestätigung ihrer Freundschaft. Um elfe kommen die Wölfe, begann Berta. Um zwölfe bricht das Gewölbe, endete Magda. Trudi Tabach war am Tag von Winifreds Tod nach Langwaltersdorf gekommen, ein kleines Bündel auf dem Rücken und einen wenige Tage alten Säugling an der Brust; sie erwies sich als unerwartete Rettung für den Witwer und für Berta, die sie von nun an gemeinsam mit ihrer eigenen Tochter stillte. Damals war es schwierig, gute und billige Mädchen für alles zu finden; die jungen Frauen zog es immer häufiger in die Städte, zudem war es bereits verpönt, Jüdinnen einzustellen. Den Verdacht, sie könnte Jüdin sein, zerstreute Trudi mit Hilfe eines Wortschwalls in perlendem Deutsch, mit dem sie ihre Dienste gegen kaum mehr als einen Hungerlohn anpries; ihre überzeugendsten Argumente aber waren ihre großen, milchschweren Brüste sowie ihre starken Hände, mit denen sie zupacken konnte wie sonst nur Hermenegilde Mock, die im Dorf die Zähne zog.