Die Preisträger:innen des Preises der Leipziger Buchmesse 2026
485 Werke wurden für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung eingereicht.
Drei Autor:innen wurden mit dem Preis geehrt. Entdecken Sie die meisterhaften Werke und ihre Macher:innen. Viel Freude beim Lesen!
BELLETRISTIK
Katerina Poladjan: „Goldstrand“ (S. Fischer)
Über das Buch
Eli, ein Regisseur bildgewaltiger Filme, lebt in einer bröckelnden römischen Villa, sieht der um ihn wachsenden Einsamkeit zu und gibt seinem Dasein im Erzählen eine phantastische Struktur bis hin zur mythischen Reise ans Schwarze Meer. Auf dem Sofa seiner Dottoressa in Rom liegend, entfaltet er in ausschweifenden Erinnerungen seine Biografie, reiht Ereignisse aneinander wie Szenen. Geboren in den 1950er-Jahren an der bulgarischen Küste, führt ihn sein Weg durch Städte und Zeiten: von Warna nach Odessa, von Konstantinopel bis nach Rom. Goldstrand ist ein Roman über Herkunft und Bewegung, über das Kreisen um eine Leerstelle und das Leben als Montage. Mit ihrer virtuos verdichteten Prosa erzeugt Katerina Poladjan in heiter-melancholischen Bildern eine Welt.
Begründung der Jury
Wie erzählen wir unser Leben, wenn wir es selbst kaum fassen können? Meisterlich führt Katerina Poladjan vor, wie eine Biographie aus Selbstbefragung und Erfindung entsteht, aus Fabulieren und dem Umschiffen von Schmerz. Ihre Sprache ist leicht und abgründig zugleich, ihre Hauptfigur betrachtet sie mit Zuneigung und sanftem Spott, solange, bis das Bild eines Menschen entsteht, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt.
Über die Autorin
Katerina Poladjan wurde 1971 in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Für Hier sind Löwen (S. Fischer, 2019) erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit Zukunftsmusik (S. Fischer) stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022. 2025 erhielt sie den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds.
Leseprobe (PDF, 386 kB)
Laudatio von Tilman Spreckelsen
Zehn Jahre lang hat der Regisseur Eli keinen Film mehr gedreht. Der letzte erzählte seine Familiengeschichte: Sein Großvater Lew flieht vor der Russischen Revolution mit seinen Kindern Vera und Felix von Odessa über das Schwarze Meer, das Ziel heißt Konstantinopel. Aber Vera steigt unterwegs über die Reling und lässt sich ins Wasser fallen. Soweit der Film.
Ein Jahrhundert nach jener Flucht liegt der Regisseur in Rom auf der Couch seiner Analytikerin, und erzählt, wie es weiterging: Lew und Felix bauen sich eine Hütte an der bulgarischen Schwarzmeerküste, um dort nach der verschollenen Vera zu suchen. Irgendwann lässt sich eine verletzte Eule bei ihnen nieder, die sie gesundpflegen. Felix möchte in ihr seine verwandelte Schwester wiedererkennen. Sein Vater aber reckt die Arme zum Himmel: „Wer bin ich? Was bin ich geworden?“
Katerina Poladjan muss gar nicht ausbuchstabieren, dass Ovids Verbannungsort Tomi ganz nahe ist. Sie traut uns zu, dass wir uns selbst unseren Reim auf alles machen. Eli hat den Vater und Großvater nie gekannt. Trotzdem ist er es, der diese Geschichte erzählt, als wäre er dabei gewesen. Der sie formt, prüft und verwirft - eben wie ein Filmregisseur, der die beste Perspektive für seine Kamera sucht und damit seine Geschichte immer wieder verändert.
Davon erzählt Poladjan: von dem ästhetisch grundierten Verhältnis zur Vergangenheit eines Mannes, der in einer bröckelnden Villa aus den Zwanzigerjahren lebt und durch das ewige Rom läuft. Der zu keinem Menschen gehört und sich immer tiefer in seine eigene Welt verstrickt.
Poladjans federleichtes Erzählen, ihre staunenswerte, vollkommen unangestrengte Sprache nimmt es mit dieser Disposition nicht nur auf - die Autorin zeigt souverän die Brüche zwischen dieser Perspektive und Elis Umgebung, ohne ihn dabei vorzuführen. Es bleibt dann Elis Tochter Vera vorbehalten, ein ganz anderes, dokumentarisches Verhältnis zur Vergangenheit einzunehmen. Als sie seinen Film zur Familiengeschichte sieht, sagt sie nur: „Ich weiß nicht, was das soll“. Und wenn er meint, eine „Pufferzone zwischen uns und der Realität“ zu brauchen, ist ihr das fremd.
In solchen Passagen könnte der Roman nicht gegenwärtiger sein. Und wenn er die Werte des europäischen zwanzigsten Jahrhunderts zitiert, seine Architektur zumal und die Bemühungen, mit neuen Bauten auch neue Menschen heranzuziehen, mit dem fortlebenden Faschismus und den Bestrebungen, seiner Herr zu werden, dann staunt man darüber, mit welcher diskreten Meisterschaft die Autorin ihre Figuren durchlässig macht für die Strömungen der Zeit.
Also: „Wer bin ich? Was bin ich geworden?“ Eli findet darauf immer neue Antworten und weicht dabei den wirklich schmerzhaften aus. Allein ist er damit nicht. Aber wer Poladjans ebenso klugen wie witzigen Roman gelesen hat, wird künftig womöglich ein bisschen wachsamer sein gegenüber dem, was Eli als Distanz zwischen uns und der Welt einfordert – bei sich selbst und bei anderen.
Was jedenfalls mit der jungen Frau gleich zu Beginn des Romans, zu Beginn von Elis Erzählung, buchstäblich über Bord geht, deutet ihr Name an: Vera, „wahr“. Die Utopie ihrer wunderbaren Rückkehr krönt Katerina Poldajans großen Roman.
Im Namen der Jury gratuliere ich Ihnen, Frau Poladajan, zu diesem Preis.
SACHBUCH / ESSAYISTIK
Marie-Janine Calic: „Balkan-Odyssee. 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C.H. Beck)
Über das Buch
Die Flucht vor dem NS-Regime war ein Wettlauf gegen Bürokratie, Grenzen und Gewalt. Zwischen 1933 und 1941 flohen Menschen zunächst in angrenzende Nachbarländer wie die Tschechoslowakei, nach Frankreich oder in die Niederlande, später auch nach Skandinavien. Andere suchten überseeische Zuflucht in Lateinamerika, in Palästina oder in den USA. Bekannt sind die Ost- und Südrouten ebenso wie die lebensgefährlichen Etappen über die Alpen oder die Pyrenäen. Weniger bekannt ist die Flucht auf den Balkan. Der Theaterstar Tilla Durieux, die Schriftsteller Manès Sperber und Ernst Toller, der Dramatiker Franz Theodor Csokor, der Maler Richard Ziegler und viele andere – sie alle flohen vor Hitler nach Südosteuropa und fanden dort Unterschlupf. Marie-Janine Calic ruft sie in Erinnerung und erzählt berührende und oft auch tragische Geschichten von Mut und Menschlichkeit, von Elend und Verrat, von Rettung und Untergang.
Begründung der Jury
Südosteuropa ist bislang in der Exilforschung kaum beachtet – Marie-Janine Calic schließt eine Lücke mit diesem eindrucksvollen Werk. In ihrer enormen und akribischen Recherche erzählt sie die wechselvolle Geschichte der Balkanroute anhand vieler Einzelschicksale, erschließt politisch-historische Zusammenhänge und zeigt den Balkan als Region der Hoffnung und des Übergangs.
Über die Autorin
Marie-Janine Calic ist Professorin für Geschichte Ost- und Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie war als Politische Beraterin u. a. am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag tätig. Unter ihren zahlreichen Publikationen sind u. a. die Monographien Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region (C.H.Beck, 2016) und Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert (C.H.Beck, 2010).
Leseprobe (PDF, 145 kB)
Laudatio von Judith v. Sternburg
Längst sind nicht alle Geschichten des Exils zwischen 1933 und 1945 erzählt. Hat sich das südfranzösische Städtchen Sanary-sur-Mer als Fluchtort für die Familie Mann oder die Feuchtwangers als Gedächtnisort der Emigration eingeschrieben, so gilt es nun endlich auch das Fischerdorf Zaton Mali kennenzulernen. Wie Sanary malerisch gelegen, befindet es sich an einer Lagune in der Nähe von Dubrovnik. Eine kleine Berliner Exilgemeinschaft bildete sich hier, darunter der Schauspieler Ado von Achenbach, der Autor Herbert Schlüter und die Erzieherin Annemarie Wolff-Richter, die hier mit etlichen Kindern aus ihrem reformpädagogischen Kinderheim unterkam. Gerade in letzterem Fall kann man sich vorstellen, was für dramatische Fluchtgeschichten dahinterstehen. Hier werden sie erzählt.
Vielleicht kennen Sie diese Namen einer einstigen Berliner Prominenz noch nicht, aber Sie werden sie glücklicherweise kennenlernen in Marie-Janine Calics Buch „Balkan-Odyssee 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“. Die Historikerin, Professorin für südosteuropäische Geschichte in München, bringt uns mit ihrem so engagiert erzählten wie akribisch recherchierten Band auf die Fährte einer Balkanroute in aus heutiger Perspektive umgekehrter Richtung. Die, die sie nach der „Machtergreifung“ der Nazis nahmen, hatten zumeist wenig Vorstellungen davon, was sie erwartete „irgendwo da unten“, wie Calic schreibt. Vor allem aber hatten sie keine andere Wahl.
Als etwa die berühmte Schauspielerin Tilla Durieux, für Calic durch ihren Nachlass eine besonders wichtige Quelle, im Schweizer Exil von Ausweisung bedroht war, erwies sich Zagreb als einzige realistische Rettung. Länder wie Albanien zeigten sich jüdischen Neuankömmlingen gegenüber gelassen und offen, in osmanischer Tradition, wie Calic schreibt.
Mit dem Balkanüberfall der Deutschen 1941 jedoch wurden viele Fluchtorte im Südosten zur Falle. Detailliert schildert Calic die verzweifelte Fahrt der jüdischen Flüchtlinge auf dem sogenannten Kladovo-Transport. Auf mehreren Schiffen versuchten sie über Jahre die Donau entlang in Richtung Israel zu gelangen. Vergeblich. „Balkan-Odyssee“ erzählt neue Geschichten vom alten Schrecken, wie Menschen zermahlen werden. Dass es Calic gelingt, viele private Biografien zu rekonstruieren, ist dabei intensiver Archiv- und Recherchearbeit zu verdanken, die häufig praktisch bei Null begann.
„Balkan-Odyssee“ füllt nun einen weitgehend weißen Fleck auf der historischen Landkarte des Exils mit Leben, dies mit Interesse an Einzelheiten und Einzelschicksalen, aber auch mit guter Übersicht für die politische Weltlage. Man verfolgt mit, wie Menschen um ihre nackte Existenz kämpfen, während an anderen Orten in Sitzungssälen und Hinterzimmern über ihre Überlebenschance debattiert, verhandelt und mit einer Mischung aus Kalkül und Gleichmut entschieden wird. So ist „Balkan-Odyssee“ ohne Unterlass auch eine Erinnerung an Heute.
Herzlichen Glückwunsch an Marie-Janine Calic.
ÜBERSETZUNG
Aus dem Spanischen von Manfred Gmeiner
Gustavo Faverón Patriau: „Unten leben“ (Literaturverlag Droschl)
Über das Buch
Ein bewusst und clever durchkomponiertes Verwirrspiel ist Unten leben von Gustavo Faverón Patriau. Der peruanische Autor und Literaturwissenschaftler nimmt uns mit in das Leben unten – in die Keller von Häusern, unterirdische Gefängnisse und Katakomben. Ausgangspunkt der Erzählung ist der amerikanische Filmemacher George Bennet, der für mehrere Morde zur Verantwortung gezogen wird. Man wirft ihm vor, der Anführer einer Guerillagruppe gewesen zu sein. Zur Aufklärung kommt der Fall erst fünfundzwanzig Jahre später, doch bis dahin haben Geheimnisse, Intrigen und Gewalt tiefe Spuren hinterlassen. Patriau entwirft ein dichtes Netz aus Referenzen, in dem Wahrheit und Fiktion sich ständig verschieben. Unten leben ist ein beklemmender und spannender Roman über das labyrinthische Geflecht menschlicher Erinnerung und die lateinamerikanische Geschichte.
Begründung der Jury
Dutzende Stimmen bilden in diesem meisterhaften Horror- und Schelmenroman ein Mosaik der düsteren Geschichte Lateinamerikas. Manfred Gmeiner hat diese labyrinthische Erzählung mit spielerischer Eleganz übertragen, ohne jemals den Blick auf ihre eigensinnigen Figuren, die literarischen Querverweise und das magische Funkeln der Poesie zu verlieren. Seine ebenso furchtlose wie packende Übersetzung macht die Lektüre zu einer unvergesslichen Erfahrung.
Über den Übersetzer
Manfred Gmeiner, geboren 1964 in Wien, war lange als selbstständiger Buchhändler in einer gemeinsam mit seiner Partnerin gegründeten spanischsprachigen Buchhandlung tätig. Nach Weitergabe der Buchhandlung ist er nun als Scout und Übersetzer aus dem Spanischen tätig. Er gab mehrere Anthologien heraus und übersetzte u. a. Jordi Peidro, Francisco Álvarez und Federico García Lorca.
Leseprobe (PDF, 188 kB)
Laudatio von Thomas Hummitzsch
Ein Schriftsteller, heißt es in »Unten Leben«, sei ein Randwesen. Ein Unruhestifter, der schreibend die Brücken zur Menschheit abbreche und sich selbst in ein Kartenhaus aus Wörtern einsperre.
Das Kartenhaus ist im Falle dieses Romans von Gustavo Faverón Patriau an Monstrosität kaum zu überbieten. Der peruanische Autor erzählt in gedrungenen Sätzen von den politischen und moralischen Abgründen im 20. Jahrhundert.
Die surreal anmutende Erzählung führt auf verschlungenen Wegen von Nazi-Deutschland in die USA bis in die Folterkeller verschiedener südamerikanischer Diktaturen. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der gleichermaßen auf der Suche nach sich selbst wie auf der Flucht vor seiner eigenen Biografie ist.
Er findet sich in einem verschachtelten erzählerischen Labyrinth wieder, in dem dutzende eigensinnige Nebenfiguren mit ihren sich überlagernden Geschichten von den Rändern in die vertrackte Handlung greifen.
Die Abgründe von Trauma und Gewalt werden in diesem Epos ebenso furchtlos vermessen wie die Gipfel der Hochkultur entschlossen erobert. Dabei gerät die von unzähligen Referenzen und Personen der Zeitgeschichte gestützte Wirklichkeit zunehmend ins Mahlwerk der syntaktischen Knochenmühle von Patriaus überbordender Prosa.
Dieses mit Wirklichkeit und Wahn, Witz und Wagemut jonglierende Verwirrspiel hat Manfred Gmeiner mitreißend ins Deutsche übertragen.
Seine atmosphärisch dichte Fassung hat – all der eingebauten Falltüren und erzählerischen Seitenbewegungen zum Trotz – ein hohes Tempo und entwickelt einen unwiderstehlichen Sog. Dabei trifft die nüchterne Sprache journalistischer Berichterstattung auf die engagiert-gehobene Diktion philosophischer Debatten. Dem schmerzverzerrten Geheul in den Folterkammern dieser Welt steht die verspielte Poesie eines unaufhörlichen Archivs fantastischer Romane gegenüber. Dem packenden Drive filmreifer Szenen folgen überwältigende Momente der Verstörung.
Diese stilistische Vielfalt federt die Bodenlosigkeit der Brutalität ab, die dieser – insbesondere auch in der deutschen Version – formvollendete Roman eindrucksvoll vor Augen führt.
Gmeiner beweist sich als souveräner Architekt eines Textgebäudes, das mit verwinkelten Gängen und gegeneinander laufenden Zeitlinien ganz eigene Gesetzmäßigkeiten aufstellt. Die Syntax seiner Fassung folgt konsequent der erzählerischen Abwärtsbewegung, ohne jemals das auslösende Moment der in sich verschachtelten Satzkaskaden aus den Augen zu verlieren.
Das Skurrile und das Groteske dieser düsteren Fiktion macht er dabei ebenso greifbar wie die grausame Wirklichkeit hinter dem opaken Text.
Die beklemmende Unruhe, die von Gustavo Faverón Patriaus Roman ausgeht, hat Manfred Gmeiner stilsicher und sprachgewandt ins Deutsche gebracht. Seine virtuose Übersetzung verleiht diesem literarischen Kartenhaus Stabilität. Und lässt die Poesie der ebenso finsteren wie bildgewaltigen Erzählung verführerisch funkeln.
Wir gratulieren herzlich zum Preis der Leipziger Buchmesse.